Trotz perfekter Integration droht die Abschiebung

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Tetes Chef und Einrichtungsleiter, Roland Hund, ist sehr begeistert von dem jungen Mann aus Togo. Er setzt sich dafür ein, dass
Tetes Chef und Einrichtungsleiter, Roland Hund, ist sehr begeistert von dem jungen Mann aus Togo. Er setzt sich dafür ein, dass sein Auszubildender Tete Yacinthus nicht abgeschoben wird. (Foto: Britta Baier)
Schwäbische Zeitung

„Ich wollte etwas machen, wobei ich viel mit Menschen zu tun habe - damit ich die Sprache schnell lerne“, sagt Tete Yacinthus in perfektem Deutsch. Vor mehr als zwei Jahren hat er seine Fachausbildung zum Altenpfleger im Haus der Pflege St. Konrad begonnen, im kommenden Sommer ist er fertig. Nicht nur sein Chef und Einrichtungsleiter, Roland Hund, ist begeistert von dem jungen Mann aus Togo, auch die Kollegen und Bewohner schwärmen von Tete. Doch obwohl die Integration scheinbar perfekt gelungen ist, droht Tete Yacinthus die Abschiebung: Am 29. September hat er seinen Ablehnungsbescheid des Bundesamtes für Migration bekommen.

15. Dezember 2016: Das Datum hat Tete Yacinthus fest im Gedächtnis - wie auch seinen Vater, der an diesem Tag gestorben ist. Seit seiner Flucht aus Togo im November 2013 hat er ihn nie wieder gesehen. Der Blick schweift ab, die Augen füllen sich mit Tränen, wenn Tete von seinem „alten“ Leben in Togo erzählt. Neben seiner Mutter warten dort auch seine Frau und die zwei Kinder, die er nur über Skype aufwachsen sieht. Oft plagt ihn das schlechte Gewissen, seine Liebsten zurückgelassen zu haben - doch eine andere Möglichkeit als die Flucht hat es für ihn als Journalist nicht gegeben.

„Ich habe mit der Deutschen Welle in einer Partnerschaft gearbeitet und Anfang 2013 ein Praktikum in der Redaktion in Bonn gemacht. Zur damaligen Bundestagswahl hat mich der Bundestag eingeladen und ich habe in Berlin eine Reportage gemacht“, berichtet Tete Yacinthus, der damals ein Visum für Deutschland hatte. Als es ablief, ging er zurück nach Togo. Doch die Verhältnisse für ihn hatten sich verschlechtert, seine Radiostation, für die er in seiner Heimat tätig war, wurde von Regierungsanhängern erst gestürmt, dann geschlossen. „Am 19. November 2013 habe ich mein Zuhause, meine zwei Kinder und meine Frau verlassen“, sagt Tete Yacinthus. „Den Tag werde ich nie vergessen.“ Aus dem Nachbarstaat Benin geht es mit dem Flugzeug erneut nach Europa – die erste Station ist Brüssel, dann Deutschland, schließlich Kressbronn.

Hier fühlt er sich wohl, hat Freunde gefunden und vor kurzem eine kleine Wohnung in Tettnang bezogen. Während er zu Beginn seiner Ausbildung die Arbeit vor allem zum Deutschlernen nutzen wollte, ist es nun der Zusammenhalt, der ihn auch schwierige Situationen überstehen lässt: „Ich habe schon gleich zu Anfang die Wärme in dem Team gespürt, wie alle immer bereit waren, mir zu helfen. Das Team und die Mitbewohner sind einfach super“, berichtet Tete und seine Augen strahlen wieder. Im vergangenen Jahr haben sie ihn sogar zum Bundesvorentscheid als bester Auszubildener Deutschlands angemeldet - und er ist bis nach Würzburg unter die besten fünf aus Bayern und Baden-Württemberg gekommen.

Bestnoten vom Chef

Für Roland Hund ist er aber ohnehin ein Glücksgriff: „Tete ist deutlich überdurchschnittlich und ein herausragend motivierter junger Mann - wir sind einfach total glücklich, ihn zu haben.“ Dabei bedeutet Tete auch eine Menge bürokratischen Aufwand für den Leiter des Altenheimes, zudem „hört meine Hilfe ja nicht mit der Ausbildung auf“, bringt es Roland Hund auf den Punkt. Behördengänge, Schriftstücke, Wohnungssuche - Roland Hund hilft, wo es nur geht. Dabei verhehlt er nicht, dass er rechtlich zwar die Entscheidung des Bundesamtes akzeptieren muss, er aber emotional schwer enttäuscht ist. „Wir ringen um gute Azubis, jetzt haben wir welche eingearbeitet - und nun werden sie abgeschoben. Man darf nicht vergessen, dass wir auch eine ganze Menge Kraft und Zeit investieren - verbunden mit der Hoffnung, dass dieses Engagement von Erfolg gekrönt ist“. Denn Tete Yacinthus ist nicht der einzige Asylbewerber, um den sich Roland Hund kümmert.

Aus Sicht des Bundesamts für Migration hat sich die Situation in Togo verbessert, die Regierung gehe nicht mehr ganz so streng vor, lautet die Begründung. Das Bundesamt unterhält das Informationszentrum Asyl und Migration, in dem die Stellungnahmen aller relevanten Gutachtens- und Auskunftsstellen über die Verfolgungssituation in den Herkunftsländern der Asylbewerber ausgewertet werden. Dazu gehören die Informationen des Auswärtigen Amtes, des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen UNHCR und des Europäischen Asylunterstützungsbüros EASO, teilt das Amt auf Nachfrage der Schwäbischen Zeitung mit. Außerdem werden die Medien beziehungsweise das Internet ausgewertet und die Erkenntnisse von Partnerbehörden vor allem im europäischen Ausland berücksichtigt. Für die Bewertung wird auch die Rechtsprechung der Verwaltungsgerichte und der europäischen Gerichtshöfe verwertet.

„Natürlich begrüßt das Bundesamt es, wenn sich Menschen in Deutschland integrieren, die Sprache lernen und beispielsweise eine Ausbildung beginnen. Das Bundesamt prüft im Asylverfahren, jedoch ausschließlich ob und welche Gefahr dem Asylsuchenden bei Rückkehr in sein Herkunftsland droht. Integrationsleistungen kann und darf das Bundesamt bei der Entscheidung im Asylverfahren nicht berücksichtigen. Integrationsleistungen im Einzelnen haben bei der Prüfung des Asylantrags im Hinblick auf die Gewährung von asylrechtlichem Schutz keinen Einfluss“, teilt Natalie Bußenius von der Pressestelle mit.

Eine Entscheidung, die Tete nicht nachvollziehen kann: Sein ehemaliger Chef beim Radio ist vor kurzem entführt worden, er sollte live im Fernsehen aussagen, dass er immer gelogen und Unwahrheiten über die Regierung berichtet habe. „Ich kann nicht zurück nach Togo“, sagt Tete.

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