Streit über Berichterstattung: Kressbronner Bürgermeister und Schwäbische Zeitung im Gespräch

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Kressbronns Bürgermeister Daniel Enzensberger beim Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung
Kressbronns Bürgermeister Daniel Enzensberger beim Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung. (Foto: Mark Hildebrandt)
Schwäbische Zeitung

Die Berichterstattung der „Schwäbischen Zeitung“ zur Kündigung des Musikschulleiters Vetter hat für gehörigen Wirbel gesorgt. Bürgermeister Daniel Enzensperger fühlte sich und die Gemeinde zu Unrecht angegriffen und hat mit mehreren Stellungnahmen reagiert, in denen er der „Schwäbischen Zeitung“ erhebliche Vorwürfe machte. Hauptkritikpunkt: Die Redaktion habe falsch und einseitig über die Verhältnisse im Rathaus berichtet. Britta Baier, Mark Hildebrandt und Martin Hennings haben sich mit Bürgermeister Enzensperger getroffen, um über die strittigen Themen zu sprechen.

Unser Eindruck aus den vergangenen Wochen ist, dass der Weggang des Jugendmusikschulleiters nach wie vor ein Gesprächsthema nicht nur in Kressbronn ist. Glauben Sie, dass das Thema „Vetter“ durch die Kündigung, die auch von der Gemeinde bedauert wurde, bereits erledigt ist?

Ich halte das für eine suggestive Frage. Aus meiner Sicht wird es Menschen geben, die sich von der SZ in dieser Frage bestätigt fühlen, es wird Menschen geben, die sich davon distanzieren, und es wird Menschen geben, die sich überhaupt nicht für dieses Thema interessieren. Nach den Rückmeldungen, die bei mir und meinen Mitarbeitern angekommen sind, scheint dieses Thema mit der durch die SZ-Berichterstattung ausgelösten Empörungswelle nach der Veröffentlichung unserer Stellungnahmen weitgehend abgeklungen zu sein.

Was war an dieser Frage suggestiv, also darauf abzielend, jemanden zu beeinflussen?

Diese Frage, die Sie uns vorgelegt haben, war suggestiv. Ich bleibe dabei.

Das können wir nicht nachvollziehen. Dann haben wir an der Stelle unterschiedliche Auffassungen vom Begriff „suggestiv“. An unserer Berichterstattung hat Sie besonders geärgert, dass wir geschrieben haben, Sie dementierten jede Unstimmigkeit im Rathaus. An der Stelle haben wir in der Tat einen Fehler gemacht, der uns leid tut. Sie haben tatsächlich gesagt, dass es durchaus Unruhe in der Verwaltung gebe, aber keine Hinweise darauf, dass ein oder mehrere Mitarbeiter wegen Unstimmigkeiten mit Ihnen gegangen seien. Sie bleiben in dem Punkt bei Ihrer Darstellung?

Mich freut es, dass die SZ zumindest in Teilen bereit ist, ihre journalistischen Fehler zuzugeben. Ich möchte jedoch betonen, dass ich mich darüber nicht nur geärgert habe. Durch Ihre Berichterstattung bin ich fälschlicherweise als ein Bürgermeister dargestellt worden, der Konflikte in seiner Verwaltung nicht wahrnehmen will – und das grenzt an Rufschädigung. Zum Inhalt ihrer Frage: Ich habe die Kündigungen der vergangenen vier Jahre überprüfen lassen, ich habe bei den Amtsleitungen nachgefragt. Dabei kam nichts zutage, das Ihre auf mich zugespitzte These bestätigen würde. Dies schließt aber ausdrücklich nicht aus, dass nicht doch jemand gegenüber der Presse oder einem Ratsmitglied anderes behauptet hat. Aber es ist in jedem Fall ein Indiz dafür, dass es keine Hinweise für die von der SZ behaupteten massiven Ärgernisse gab, die zu Kündigungen führten.

Und wir bleiben dabei, dass wir aus vielen Gesprächen mit zahlreichen Beteiligten aus der Verwaltung, dem Rat und dem Umfeld die Information haben, dass mehrere Mitarbeiter auch wegen schlechter Stimmung und Unstimmigkeiten mit Ihnen das Rathaus verlassen haben. Weil unsere Quellen meist aus beruflichen Gründen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchten, schützen wir diese Quellen und nennen sie nicht. Ein übliches Vorgehen in solchen Fällen. Das hat nichts mit „einseitiger und tendenziöser“ Berichterstattung, wie Sie der SZ vorwerfen, zu tun, sondern gehört unserer Einschätzung nach zur Pressefreiheit. Sehen Sie das auch so?

Ich sehe das anders. Es gehört sich meiner Meinung nach nicht, in der Öffentlichkeit ruf- und imageschädigende Behauptungen aufzustellen, die dann mit Hinweis auf den Quellenschutz nicht belegt werden. Die Wirkung einer derartigen Berichterstattung ist für die Betroffenen fatal, weil man sich gegen anonyme Vorwürfe nicht zur Wehr setzen kann. Die Verwaltung nimmt deshalb die Berichterstattung in der SZ in diesem Fall als einseitig und tendenziös wahr. Einseitig, weil von der SZ die Verantwortung für den Konflikt zwischen zwei Führungskräften ausschließlich aus der Sicht des Mitarbeiters, der gekündigt hat, dargestellt wurde. Tendenziös, weil für die von der SZ darüber hinaus behaupteten Konflikte in der Verwaltung nur ein schlichtes und durchsichtiges Erklärungsmuster verwendet wird, nämlich: Der Bürgermeister sei allein an allem schuld. Ich lehne diese Art der Berichterstattung ab, auch wenn es inzwischen üblich ist und wohl der Auflage dient.

Wir beurteilen das anders. Und wir haben über Ihre Position sehr wohl berichtet. Wir wehren uns gegen den Vorwurf, einseitig und tendenziös zu sein. Das ist ein ganz normales und übliches Vorgehen, das haben wir auch hier in der Region schon oft so gemacht. Erinnern Sie sich etwa an die Berichterstattung rund um den Führungswechsel bei ZF. Auch da haben uns Menschen seriös Dinge erzählt, die wir überprüft haben. Das sind ja nicht ein oder zwei Meinungen, über die wir berichten, sondern Erzählungen vieler verschiedener Menschen, das Ergebnis gründlicher Recherche.

Sie haben jetzt die Chance zu beweisen, dass es in Zukunft keine einseitige und tendenziöse Berichterstattung mehr gibt.

Das müssen wir gar nicht beweisen. Wir haben kritisch berichtet, wir sind nicht irgend jemands Sprachrohr. Wir sind Nachrichtenvermittler, die Informationen, Meinungen und Stimmungen aufnehmen, aufarbeiten, recherchieren und gegenchecken und dann verbreiten. Nicht einseitig und tendenziös – wir verfolgen auch kein Ziel an dieser Stelle, außer objektiv und sachlich zu berichten. Man kann uns natürlich kritisieren, das ist völlig legitim, dem stellen wir uns auch und denken darüber nach – aber gegen die pauschale Feststellung, wir würden einseitig und tendenziös berichten, können, müssen und werden wir uns immer wehren. An der Stelle kommen wir aber nicht zusammen. Da haben wir einfach zwei unterschiedliche Positionen. Wie sieht es denn jenseits des konkreten Falls derzeit mit der Stimmung im Rathaus aus Ihrer Sicht aus?

Da muss ich jetzt ein bisschen ausführlicher antworten. Die Kressbronner Gemeindeverwaltung musste nach drei Amtszeiten meines Vorgängers in verschiedenen Bereichen weiterentwickelt werden. Ich habe mich deshalb in den ersten Jahren als Bürgermeister intensiv um die Verwaltungsstrukturen gekümmert. Dies führte bei verschiedenen Mitarbeitern zu Irritationen. Die inhaltlichen Veränderungen sind bei den Führungskräften im Wesentlichen unstrittig und werden inzwischen auch von ihnen mitgetragen. Damit meine ich die inhaltliche Spezialisierung in den Ämtern, die Entwicklung von Sachgebieten, die Definition von Standards zu Abläufen. Es war auch nötig, die in die Jahre gekommenen Gemeindesatzungen nach und nach zu aktualisieren. Ich weiß, dass ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vieles zugemutet habe. Vor allem die Entwicklung der Sachgebiete hat dazu geführt, dass manche eine liebgewonnene Tätigkeit abgegeben und andere Aufgaben übernehmen mussten. Aus heutiger Sicht würde ich manches anders machen. Ich wollte vieles zu schnell, und ich habe die Mitarbeiter an der einen oder anderen Stelle nicht genügend mitgenommen. Dieses Problem habe ich erkannt. Deshalb bin ich mit den Amtsleitern in einem intensiven Austausch, um die Umsetzung der neuen Organisationsstruktur vorzubereiten. In den vergangenen Jahren wurde viel erreicht und wir können beruhigt in die Zukunft schauen. An dieser Stelle möchte ich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihre Unterstützung danken. Es gab in den vergangenen Jahren auch zahlreiche Verbesserungen für die Mitarbeiterschaft. So schließen wir über Brückentage das Rathaus, damit auch Verwaltungsmitarbeiter ein langes Wochenende genießen können. Nach dem Umbau des Rathauses erhält nahezu jeder Mitarbeiter ein eigenes Büro. Wir werden die Büros im Altbau klimatisieren und alle Beschäftigten erhalten höhenverstellbare Schreibtische, weil der Verwaltung und dem Gemeinderat die Gesundheit unserer Mitarbeiter sehr wichtig ist. Der Bürgermeister hat außerdem eingeführt, dass durch eine außertarifliche Freistellung ehrenamtliche Tätigkeiten zum Beispiel im Bereich der Jugendarbeit unterstützt werden. Ebenso setzen wir uns seit Jahren für qualifizierte Weiterbildungsmaßnahmen unserer Mitarbeiter ein und unterstützen sie bei der Finanzierung.

Die Fragen für dieses Interview haben wir auf Ihren Wunsch hin eine Woche vor dem Gespräch schriftlich eingereicht. Das ist ein eher unübliches Verlangen. Aus unserer Sicht haben wir bisher immer durchaus kritisch über die Gemeinde berichtet – bei allem Wohlwollen und aller Sympathie für Kressbronn. In diesem Fall sind wir deswegen über dieses Misstrauen und auch die Wucht Ihrer Reaktion – Sie haben uns und namentlich der für Kressbronn zuständigen Kollegin Britta Baier in einer öffentlichen Erklärung unseriösen Journalismus und unprofessionelles Vorgehen vorgeworfen – schon etwas verwundert. Verstehen Sie unsere Verwunderung?

Ehrlich gesagt, nein. Auch, wenn die Verwaltung die durchaus kritische, aber in Teilen leider nicht immer sorgfältige Berichterstattung in der Vergangenheit weitgehend unkommentiert hingenommen hat, wurden beim Thema Vetter Grenzen deutlich überschritten. Dies störte das Vertrauensverhältnis nachhaltig. Angesichts dieser Erfahrungen ist der Wunsch, die Interviewfragen vorab zu erhalten, aus unserer Sicht durchaus nachvollziehbar. Wir wollen keine Hofberichterstattung, aber wir erwarten eine Berichterstattung, die beiden Seiten gerecht wird.

Was meinen Sie mit beiden Seiten?

Eine Berichterstattung, die beide Seiten gleichermaßen darstellt.

Die pauschale Kritik, dass wir nicht sorgfältig arbeiten würden, können wir so nicht teilen. Natürlich sind wir auch Menschen, natürlich passieren uns immer wieder Fehler, aber wenn sachliche Fehler passieren, dann stellen wir die auch richtig, wenn wir diese mitbekommen. Welche Rolle spielt in dieser Angelegenheit Ihr neuer Berater, Wolf-Peter Bischoff? Und welche Aufgaben hat er?

Herr Bischoff berät mit seinem Büro für Kommunikation und Markensteuerung die Gemeinde in Fragen der Rathauskommunikation.

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