„Niemand hat die Absicht, jemanden schuldig zu sprechen“

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Olaf E. Jahnke

Die Narrenfahne ist gehisst, die Narrenschaft versammelt, Gerichts- und Tanzwagen aufgestellt – allein der Bürgermeister hat wieder gefehlt. Dennoch versammelte sich das Narrenvolk samt Bürgerschaft zahlreich vor dem Rathaus. Es rückte ein Umzug direkt vom Kinderball an, mit Schalmeien-Musik, Garde und den Narrenhonoratioren sowie zahlreichen Mäschkerle und Masken.

Der Schultes sei angeblich immer noch erkrankt. „Ebenso wie die Hälfte der Rathausverwaltung ebenfalls. Und die andere Hälfte ist im Urlaub“, stellte der Verteidiger des Ersatzkandidaten Frank „Labello“ Habelmann, Zunftmeister der Haidachgeister, fest. Thomas Feick, der ebenso junge wie frisch eingestellte Leiter des Amts für Gemeindeentwicklung und Bauwesen musste wohl oder übel Daniel Enzenspergers Platz einnehmen – und wurde alsbald in unbequemer Halsgeige vorgeführt. Ihm schwante Übles: „Nun weiß ich, warum sich die Kollegen alle so schnell verdrückt haben.“ Das Gericht nahm sich nun närrischerweise argumentativ selbst den Wind aus den Segeln, und deutete in fast Ulbrichtscher Stimmlage schon an: „Niemand hat die Absicht, jemanden schuldig zu sprechen.“ Feick fand dagegen, wohl nicht zu Unrecht: „Mein Chef hätte es schon ein bisschen verdient, hier verurteilt zu werden.“

Vorgeworfen wurde Delinquent Feick-Enzensperger von Ankläger und Griesebigger-Präsident Jörg Matthäus: „Versagen in ganzer Uferlinie.“ Dazu kamen „Versaubeutelung eines Uferwegs“ nebst „Verschleppung von Kiesverschüttung“ und anderes. Auch das Thema Baumfällen kam als Anklagepunkt zur Sprache. Ganz Verwaltungskraft, redete sich der Ersatzkandidat mit unterschiedlichen und dabei doch eher gleichen Argumenten heraus: „Das kann noch ewig dauern, wir haben gar nichts gemacht, sollen wir fürs Nichtstun bestraft werden?“ Gespöttelt wurde auch wegen allgemeiner Langsamkeit und Untätigkeit, wegen herumstehender Stege, Schrott im Wasser, Klageversuchen und Umweltgedanken. Selbst Tagespolitisches kam mit Rotkittel und Schwarzrock zur Sprache. Als Maßnahme sei nach dem Motto „Unser Dorf soll schöner werden“, daran gedacht, dass sich am ersten Mai keine Polizei oder keine Gemeindeverwaltung sehen lassen soll, damit Mai-Streichespieler den Kretzergrund inoffiziell befüllen könnten. Das ginge wesentlich schneller als mit offiziellen Baumaßnahmen. Der Ersatz-Angeklagte wurde schließlich nachdem er ein dringendes Bedürfnis geäußert hatte, von der Halsgeige befreit und musste den Rathaus-Schlüssel übergeben. Dann forderte das Narrenvolk mit Schalmeienklängen und tanzenden Gardemädchen Genugtuung – und bekam die in Form von Süßigkeiten durch den Ersatz-Schultes zugeworfen. Das Narrengericht lud das Narrenvolk ein, im Rathaus weiterzufeiern und ließ „Starri – Starro“ und „Heidach – Jehu!“ erklingen.

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