Rolf Bernardi

„Yo soy el camino, la verdad y la vida“: So steht es in großen Lettern über Pfarrer Henßler auf dem Spruchband in der „Turistkyrkan“, der Skandinavischen Kirche in Puerto de la Cruz im Norden Teneriffas. Jesus spricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Die Gemeinschaft Evangelischer Christen (GEC) zelebriert hier jeden Sonntag um 17.30 Uhr ihren Gottesdienst, den noch bis zum 1. Februar Gerhard Henßler, Pfarrer i. R., aus Kressbronn leitet. Seit nunmehr 28 Jahren kommen Deutschsprachige hier zur Andacht zusammen.

Drei Wochen sind es noch, bis die Adventszeit beginnt. Besonders jetzt ist die Kanareninsel Teneriffa bei Europäern als Urlaubsziel angesagt. Auch viele Deutsche genießen die milden Temperaturen, die strahlende Sonne und den Atlantik. Zum ersten Mal betreut Gerhard Henßler die Gemeinschaft evangelischer Christen in dieser Wintersaison 2018/19. Der Theologe kommt aus Kressbronn. Seit dem 31. August weilt der 69-Jährige mit seiner Frau Gabriele auf der Insel. Bis Februar werden beide bleiben, bis wieder ein Stafettenwechsel stattfindet bei GEC.

Die Vereinigung will keine Konkurrenz zur Landeskirche sein, sondern bietet Residenten und Touristen Möglichkeiten der Begegnung. Ihre Veranstaltungen sollen den persönlichen Glauben und das Miteinander von Christen verschiedener Prägung stärken. Auf die typisch deutsche Feierlichkeit, das gemütlich-besinnliche Element, muss man in „Puerto de la Cruz“, im Norden der Insel, trotzdem nicht verzichten. Pfarrer Gerhard Henßler stieg mit 20 als Quersteinsteiger in das Theologiestudium ein. Die Stadtmissionen Berlin und Darmstadt bildeten 21 Jahre seiner Berufung. Stationen als Pfarrer im Oden- und Westerwald folgten. Seit fünf Jahren ist er nun in Kressbronn als fester Mitarbeiter in der Kirchengemeinde und als Springer für die umliegenden Gemeinden tätig.

Seine Frau Gabriele stand bei den vielen Stationen immer an seiner Seite, so auch wieder auf der Atlantikinsel. Hier in Puerto, in der skandinavischen Kirche, trifft er nun auf eine ganz andere Gemeinschaft.

Höhepunkt in der Vorweihnachtszeit ist der Internationale Gottesdienst im Dezember. Ein Team von fünf Pastoren aus Schweden, Finnland, England, Spanien und Deutschland veranstalten diesen. Eine jeweilig fünfminütige Predigt in den Landessprachen und das gemeinsame Singen international bekannter Weihnachtslieder sind der Höhepunkt dieser feierlichen Zusammenkunft. „Stille Nacht-Heilige Nacht und Oh Du Fröhliche in mehreren Sprachen, einmal mit spanischem ,Feuer’, das andere Mal besinnlich vorgetragen, schaffen eine eindrucksvolle Atmosphäre hier in Puerto“, schildert Pfarrer Henßler.

Raum für Gedanken

Dabei leuchten die Augen, seine Vorfreude ist ihm deutlich anzumerken. In dieser Vorweihnachtszeit ist spürbar, immer mehr „Überwinterer“ sind zurückgekehrt. Vor dem Sommer hatte man sich zurück in die Heimat verabschiedet. Allerdings ist so manches vertraute Gesicht der vergangenen Jahre nicht mehr zu sehen. Alter oder Krankheit ermöglichen die gewohnte Reise nach Teneriffa nicht mehr. „Auch Einsamkeit ist ein Thema, das merkt man in diesen Vorweihnachtswochen“, so Gerhard Henßler. „Mehr als in Deutschland vertrauen sich ältere Menschen in persönlichen Fragen an. Wenn der Freundeskreis der Gleichaltrigen kleiner wird oder ganz schwindet, sind die GEC und der Pfarrer eine Anlaufstelle.“ Auch finden Deutsche, denen zu Hause im Laufe ihres Lebens der Bezug zu Kirche und Religion abhandenkam, wieder zu Inhalten des Glaubens, hat Henßler beobachtet. „Bei vielen ist keine kirchliche Anbindung mehr da, aber man nimmt sich Zeit im Urlaub oder Langzeiturlaub, über die Sinnfragen des Lebens nachzudenken. Da spielt die Religion für viele eine Rolle und man fragt mal nach, vielleicht könnte da eine Antwort für mich liegen“, erläutert Gerhard Henßler.

Das Mehr an Zeit gegenüber in der Heimat, dem geschäftigen Deutschland, schafft Raum für diese Gedanken. „Diese besondere Herausforderung, mit Menschen im Gespräch zu sein, die nicht festgelegt sind und 1000 Fragen haben, der Versuch, mit ihnen Antworten zu finden, dazu dieses auf der Insel ganz andere freie Leben, das liebe ich hier“, schwärmt der Pfarrer. Bei seinen Wanderungen liebt er das Zusammensein mit den Mitgliedern seiner kleinen Gemeinde und den Gästen, was in Anschluss immer mit einem gemeinsamen Essen in einer typisch kanarischen „Guanchinche“ endet.

Am 1. Februar geht es für Pfarrer Henßler und seine Frau wieder zurück nach Kressbronn. Nicht ausgeschlossen, dass beide wieder hierher zurückkommen.

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