Haus zur Begegnung von Kultur und Kunst

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Besuch in der Villa Müller-Oerlinghausen: Hinten stellt der Kressbronner Kulturbeauftragte Jakob Böttcher den Architekten Hans S
Besuch in der Villa Müller-Oerlinghausen: Hinten stellt der Kressbronner Kulturbeauftragte Jakob Böttcher den Architekten Hans Scharoun vor, Hausherr Prof. Müller-Oerlinghausen (links daneben) ergänzt und erzählt vom Leben im elterlichen Haus. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Trotz des Dauerregens hat sich am Sonntagmorgen keiner der angemeldeten Interessenten vom Besuch der Villa Müller-Oerlinghausen in Kressbronn abhalten lassen. Anlässlich des Tags des offenen Denkmals hat der Sohn des Künstlers Berthold Müller-Oerlinghausen (BMO), der in Berlin lebende Professor Bruno Müller-Oerlinghausen, auf Anregung des Kulturbeauftragten Jakob Böttcher sein Haus nahe der bayerischen Grenze geöffnet.

BMO, der Kressbronn von zahlreichen Sommeraufenthalten der Familie gut kannte und sich in den Ort verliebt hatte, griff schnell zu, als 1942 ihm das Haus zusammen mit einem herrlichen Seegrundstück angeboten wurde.

Bruno Müller-Oerlinghausen erzählte, wie das seinerzeit viel kleinere Haus aus den zwanziger Jahren umgebaut wurde. Die Nazis hatten verfügt, dass die Veränderungen am „Landhaus im völkischen Stil“ von außen nicht sichtbar sein dürften, daher kamen bloß Umbauten im Inneren in Frage. Kein Geringerer als der ehemalige Stararchitekt Hans Scharoun, ein enger Freund der Familie, leitete den Umbau, war er doch von den NS-Machthabern seiner offiziellen Aufträge enthoben worden. Erst viel später schuf er in engster Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Herbert von Karajan sein Hauptwerk, die Berliner Philharmonie. Mit leiser Ironie verglich Prof. Müller-Oerlinghausen dieses Konzerthaus mit der vielgepriesenen Elbphilharmonie, die unter anderen Vorzeichen entstand.

Für Scharoun war der Mensch das Maß aller Dinge. Fassaden spielten für ihn keine Rolle, entscheidend war für ihn keine Theorie, sondern eine „organische Architektur“, das heißt, die innere Notwendigkeit, das Eingehen auf die natürlichen Abläufe, die Bedürfnisse der Benutzer. Danach plante er und es gelang ihm, scheinbar unvereinbare Kategorien wie Offenheit und eigene Bereiche in einer „ineinanderfließenden Lebenswelt“ zu vereinen. Was heute beim Blick in die Villa so selbstverständlich scheint, habe auch enge Beziehungen zu Rudolf Steiner und seiner anthroposophischen Idee.

„Arbeits-, Musik- und Gesprächswelt“ fließen ineinander, nur für ihren eigenen Rückzugsraum habe sich Frau Emily eine Tür erbeten. Der Hausherr wies auf den stark strukturierten Putz an der Decke hin, der auch akustische Vorteile habe. In Berlin würde man keinen Handwerker finden, der das beherrscht, lobte Müller-Oerlinghausen die Kressbronner und zeigte wenig später auf einen Sessel, in dem schon Albert Schweitzer gesessen habe. Der Vater hatte die Nobelpreisträger zu sich eingeladen. Nur so ein offenes Haus habe die künstlerischen Begegnungen, den regen Austausch der Künstler der seinerzeit berühmten Sezession Oberschwaben Bodensee (SOB) möglich gemacht: „Hier war immer Leben. Es war ein Geschenk, in diesem Haus aufzuwachsen und leben zu dürfen.“

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