Hamlet bei den Straßenkindern

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Hamlet bei den Straßenkindern
Hamlet bei den Straßenkindern
Schwäbische Zeitung

Mit ihrer neuesten Produktion, dem „Straßenhamlet“, hat das Theater „phoenix on stage“, die ambitionierte Laienspielgruppe aus Wangen um die Regisseurin Ute Dittmar, sehr spannendes und wirklich unter die Haut gehendes Theater in die Aula der Nonnenbachschule gebracht.

Von unserem Mitarbeiter   Helmut Voith

Die erste Sitzreihe bleibt für die Spieler reserviert, das lässt hautnahes Spiel erwarten, in dem die Zuschauer direkt angesprochen werden. Das Geschehen geht tief, rührt an, weil es ungeschönte Wirklichkeit zeigt. Shakespeares Hamlet, versetzt in das Milieu von Straßenkindern in Brasilien, das bestimmt wird von Bandenkriegen, von Rauschgift und Prostitution, von ständig drohenden Razzien. Um Straßenkinder von der Straße zu holen, hat die Dramaturgin Vera Achatkin dort das Experiment des Theaterprojekts gewagt, mit ihnen zusammen das Stück auf der Grundlage des „Hamlet“ entwickelt.

Auf der Bühne stehen große Kartons, in die man sich schnell verkriechen kann, die aber keinen wirklichen Schutz bieten. Der dänische Königshof ist zu einem Ort irgendwo in den Slums geworden, die Wände sind rundum mit düsteren Graffiti besprüht. Die Handlung ist auf die Straßenkinder-Realität übertragen. Hier hat nicht der Königsbruder gemeuchelt, um Krone und Königin ins Bett zu kriegen, hier war es einer aus dem Milieu, der aus demselben Grund seinen Bruder, den bisherigen Anführer der Bande, heimlich vergiftet hat. Auch hier hat sich „Prinzessin“ schnell mit dem Sieger getröstet. Der Gemordete erscheint einigen Freunden, Hamlet hört seine Stimme und spielt fortan den „Durchgeknallten“. Immer näher kommt der „Straßenhamlet“ dem Original.

Vergeblich sucht „Kopf“ den ungeliebten Hamlet aus dem Weg zu räumen. Dieser stößt Ofélia von sich, lässt Clowns den zu rächenden Mord spielen. Vor den Augen der „Prinzessin“ sticht Hamlet in einen Karton und erwischt als Lauscher nicht den Verräter, sondern „Polo“, die Mutter Ofélias und des ungestümen Lertes. Ofélia erleidet im Wahn eine Vergewaltigungsszene und ersticht sich. An ihrer Bahre muss auch „Kopf“ sterben.

Trickreich wie im Original

Skandiert wird das Geschehen von den immer wieder anschwellenden Polizeisirenen. Im Nu ist dann die Bühne leer, schnell finden diese „Ratten der Gesellschaft“ ihre Schlupflöcher, um gleich danach ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Unerbittlich, trickreich wie schon im shakespeareschen Original.

Sie spielen schnell und sehr intensiv, als bliebe ihnen nur wenig Zeit. Die jungen Frauen wollen etwas von ihrem Leben haben, so lange sie begehrenswert sind. Die Männer verlangen die strikte Einhaltung ihrer Gesetze.

Immer wieder gibt es Momente der Stille, in denen der Zuschauer das Geschehen reflektieren kann. Das macht die Eindringlichkeit des Stückes und der stimmigen Inszenierung.

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