Graf Luna trifft auf „Duidjorsälfer“

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Ein (schwäbischer) Opernheld: Bariton Jürgen Deppert in Kressbronn.
Ein (schwäbischer) Opernheld: Bariton Jürgen Deppert in Kressbronn. (Foto: Christel Voith)
Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Mit strahlendem Belcanto und glänzenden Koloraturen hat am Samstagabend in Kressbronn der „Kressbronner Kultur Frühling auf Schwäbisch“ begonnen. Eingeladen war der Backnanger Bariton Jürgen Deppert mit seinem selbst verfassten Soloprogramm „Oper auf Schwäbisch“.

Gern hat Bürgermeister Daniel Enzensperger die Idee des Kulturamts, insbesondere von Ulrike Martin, aufgegriffen, in einer neuen Serie schwäbisches Kulturgut aufzugreifen: „Lassen Sie uns unsere eigene Kultur in allen Facetten lieben und erleben.“ Was passte da als Einstieg besser als die „Oper auf Schwäbisch“. Doch der Zuspruch ließ zu wünschen übrig: „Schwaben mögen keine Opern und Opernliebhaber kein Schwäbisch“, sinnierte Ulrike Martin. So verlegte man kurzerhand die Veranstaltung ins Rathausfoyer, das voll wurde und zudem einen schönen intimen Rahmen bot für einen ungewöhnlichen Abend.

Ein Musik-Kabarett-Programm mit heiteren schwäbischen Parodien auf Opernarien war angesagt, doch zur Überraschung der Zuhörer bot Jürgen Deppert beides: das Original und die Parodie. Mit wunderbar strömendem, beweglichem und warmem Bariton ließ er berühmte Ohrwürmer und weniger bekannte Arien von Mozart, Donizetti, Verdi und Bizet vorüberziehen. Dabei ließ er auch wenig geübte Operngänger nicht allein, sondern bettete zuerst die jeweilige Arie in ihren Kontext. Mit einem Augenzwinkern erzählte er, wo ein eben erst erstochener Tenor mit Belcanto sein Leben aushaucht, wo eine Edelhure dahinscheidet, während der Torero strahlend die Arena betritt – parodiert und doch so aufschlussreich, dass man die Emotionen in der Arie begriff. Und diese hat Jürgen Deppert in vollem Ernst gesungen, sodass man ihn, wie er war, in jede Operninszenierung hätte stellen können. Die Zuhörer erlebten beispielsweise Mozarts Figaro, der zornig dem Grafen droht, der auf sein Recht auf die erste Nacht mit Figaros Susanna pocht, und einen Grafen Luna aus Verdis „Trovatore“, der in Liebessehnsucht nach Leonore zerfließt.

Wechselbad von Arie und Parodie

Ob dramatisch oder lyrisch – Deppert bringt die Stimmung herüber. Dann das Kontrastprogramm: Zu jeder Arie hat er einen eigenen Text geschrieben, der den Klischee-Schwaben parodiert: den „Schbaarer“, den „Duidjorsälfer“, sprich Do-it-yourself-Heimwerker, den schwäbischen Ehemann, der sein Schätzle im Kino „bei Cola und haufeweis Popcorn“ verdruckt – „ach, hend mir’s schee heit, so mog i Kino“ –, den rechte Schwob, der „jede Woch oimol sei Kehrwoch“ macht. Das Wasser läuft einem im Mund zusammen, wenn er zur Verdi-Arie die schwäbische Speisekarte singt. Den Frack hat er dazu abgelegt und sich hemdsärmelig an den Tisch daneben gesetzt – dass er dabei gleich das volle Glas umwirft, gehört nicht zum Programm. Überflüssig sind die Witzle, die er dazwischenschiebt, das Wechselbad von Arie und Parodie ist abendfüllend und witzig genug. Gut gelaunt servierte er den begeisterten Zuhörern gleich noch drei Zugaben. Vielleicht fasst sogar der eine oder andere den Entschluss, sich einmal Oper pur zu gönnen.

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