„Gott zwingt nicht, Gott begeistert“

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Mit ansteckendem Enthusiasmus zeigt Pfarrer Rainer Maria Schießler, wie begeisternd Kirche sein könnte.
Mit ansteckendem Enthusiasmus zeigt Pfarrer Rainer Maria Schießler, wie begeisternd Kirche sein könnte. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Mit der Einladung des Münchner Stadtpfarrers Rainer Maria Schießler in die Kressbronner Festhalle hat Ulrike Martin wieder einmal den richtigen Riecher gehabt. Zusammen mit Dagmar Frick von der Katholischen Erwachsenenbildung der Seelsorgeeinheit Seegemeinden hat sie eine Veranstaltung an den Bodensee gebracht, die nicht nur den immer weniger werdenden regelmäßigen Kirchenbesuchern aus dem Herzen gesprochen hat. Alle 624 Plätze waren ausverkauft.

„Auftreten statt austreten“ ist einer der markanten Sprüche des Münchner Pfarrers, der einfach anders ist, der bewusst aneckt, so wie die Urkirche aneckte. Gut zwei Stunden stand er auf der Bühne, redete ohne Pause und streifte, ohne sich zu verlieren, alle wichtigen Themen, die ihm auch in seinem Buch „Himmel, Herrgott, Sakrament“ ein Anliegen sind, nur vorlesen wollte er nicht: „Des kenn i ja scho.“

Auf eine Kernaussage gebracht, gipfelt sein Aufruf in einer klaren Aussage von Papst Franziskus an eine evangelische Christin, ob sie gemeinsam mit ihrem katholischen Ehemann zur Kommunion gehen dürfe: „Prüft euer Herz, euer Gewissen, dann entscheidet ihr.“ Die Mahlgemeinschaft dürfe kein Exklusivclub sein, sondern für alle offen. Die Kirche solle die Gläubigen nicht mit Vorschriften erdrücken, sondern froh sein, dass jemand kommt. Sie solle aufhören zu gängeln und nicht nur verwalten, sondern gestalten, die Menschen begleiten. Sie solle nicht Illusionen nachweinen, sondern die Wirklichkeit wahrnehmen und darauf reagieren.

Schießler machte zum Greifen deutlich, dass eigentlich das Wohl des Menschen das Ziel sein sollte und nicht die Einhaltung irgendwelcher Vorschriften. Den Pfarrer ärgert, dass beispielsweise über die Teilnahme eines Partners anderer Konfession oder eines wieder verheirateten Geschiedenen an der Kommunion ellenlange Diskussionen geführt werden, wo ganz andere Probleme im Raum stehen. Er setzt sich auch für die Segnung gleichgeschlechtlicher Gemeinschaften ein: „Wir haben die Menschen zu begleiten, zu schauen, wie’s ihnen geht, nicht über sie zu urteilen.“

Er hat auch seine eigene Meinung über den Zeitpunkt der Firmung – als Entscheidung eines reifen Menschen. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass Priester wie er von der kirchlichen Verwaltung als Sand im Getriebe, als störend empfunden werden. Fast nebenbei machte er deutlich, dass Frauen in der Urkirche eine wichtige Rolle gespielt hatten und erst später wieder als unmündig behandelt wurden: „Das geht so nicht weiter, uns nimmt keiner mehr ernst. Wir können Kirche nur aufrechterhalten, wenn wir das Amt öffnen: für Frauen, für Verheiratete.“

Immer wieder gab es spontanen Beifall. Viele mögen sich gefragt haben, gerade angesichts der immer weiter sinkenden Zahlen regelmäßiger Gottesdienstbesucher, was eigentlich noch alles passieren muss, ehe es zu wesentlichen Änderungen in der Kirche kommt. In Schießlers leidenschaftlichem Vortrag wurde klar, dass die Amtskirche sehr viel Energie darauf verwendet, das Bestehende zu erhalten, Positionen zu sichern. Trotzdem stellte er überzeugend dar, dass er seine Kirche liebt und alles tut, um ihr ein Weiterleben zu ermöglichen. Doch das bedeute Veränderung.

Es ist bekannt, dass Schießler in seiner eigenen Pfarrei in München volle Gottesdienste hat. Man fragt sich, wie er das macht. Wichtig sei jedenfalls, beim Predigen keine theologischen Vorträge zu halten, sondern an die Zuhörer zu denken, das Thema für sie herunterzubrechen, damit man es auch versteht, sagt der Pfarrer. Er redet Klartext, er wird verstanden, und da freut man sich, dass er an einen erneuten Besuch in Kressbronn denkt.

Pfarrer Schießler hat auf das Honorar für den Abend verzichtet. Wie Ulrike Martin mitteilt, gehen die Einnahmen und Spenden in Höhe von 3951,15 Euro je zur Hälfte an das Kressbronn Toril Education Program KTEP und an die Welthungerhilfe.

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