Ein Abend „mitten aus dem Leben“

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 Arne Kopfermann und seine Band sorgten in der Evangelischen Christukirche in Kressbronn für einen besonderen Abend. Von links:
Arne Kopfermann und seine Band sorgten in der Evangelischen Christukirche in Kressbronn für einen besonderen Abend. Von links: Anni Gräb (Keyboards und Gesang), Matthias Gräb (Bass), Arne Kopfermann (Gitarren und Gesang) sowie Eckhard Jung (Drums). (Foto: sig)
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Es war ein unter die Haut gehender außergewöhnlicher Abend, den die Besucher der gut gefüllten Evangelischen Christuskirche in Kressbronn am Freitagabend erlebten. Zu einer Konzertlesung waren der in der christlichen deutschen Popmusikszene bekannte Arne Kopfermann und seine Band über 1000 Kilometer an den Bodensee gereist, um unter dem Titel „Mitten aus dem Leben“ von dem Künstler zu hören, wie er mit der Trauer umgegangen ist und noch umgeht, nachdem er seine zehnjährige Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren hat.

Mit Unterstützung seiner Band um Eckhard Jung (Drums), Matthias Gräb (Bass), Anni Gräb (Keyboards und Gesang) und Tobias Eichelberg (Sound) ist Arne Kopfermann im gesamten deutschsprachigen Raum in 50 Städten unterwegs gewesen, die Geschichte des Todes seiner zehnjährigen Tochter Sara zu erzählen, davon, wie er die Trauer erlebt, mit Gott ringt aber auch Hoffnung und Trost erfährt. Er schildert die erste Teiletappe seiner Trauer nach dem schwersten Verlust, den Eltern erfahren können, auf einen Schmerz, auf den man sich nicht vorbereiten kann und für den es im Deutschen keine Begrifflichkeit gibt.

Kopfermann hat sich früh entschieden, diese Trauer offen anzunehmen. Der Preis dafür waren viele Tränen. Trauer kann eine Geisel sein, sagt er, will denen Mut machen, ehrlich mit sich zu sein, nicht alles „über den Haufen“ zu werfen. Er hat nach dem Tod seiner Sara viele Rückmeldungen vor allem aus der kirchlichen Welt erhalten und Kraft geschöpft aus dem Text eines Soldaten, der auch in seiner hoffnungslosen Situation an Gott geglaubt hat. Und aus der Aussage von Sara an seine Frau: „Mama, manchmal habe ich das komische Gefühl, dass ich gar nicht hierher, auf die Erde, gehöre“.

„Rettet mein Mädchen“

Einen Tag vor ihrem elften Geburtstag war seine Sara nach zehn Tagen auf der Intensivstation ihren schweren Verletzungen erlegen. Er, ihr Vater, hat – von der Sonne geblendet – im Sommer 2014 das Taxi nicht kommen sehen, dass sich auf der Vorfahrtsstraße näherte. „Rettet mein Mädchen“, hat er die Helfer angefleht, wissend, dass nichts mehr sein würde wie es vorher war, wenn sie nicht überlebte. „Ich halt dich fest“, hat er den folgenden Liedtext überschrieben, und: „Wenn der Sturm des Nichts deine Welt aus den Angeln hebt“, wenn dein Innerstes schreit und du nicht mehr ein noch aus weißt. Er erzählt, was er mit seiner Tochter nicht mehr erleben wird. Mit ihr auf dem Abi-Ball zu tanzen – und nicht ganz ernst gemeint, deren ersten Freund vom Hof zu jagen. Der Tod seiner Tochter hat eine riesengroße Lücke in das Leben seiner Familie mit seiner Frau und seinem Sohn gerissen. Die dennoch Bestand hat, nachdem 80 Prozent aller Ehen in Deutschland nach dem Verlust eines Kindes scheitern. Wir werden immer mit einem fehlenden Bein durch’s Leben hinken“, sagte er, in ihm sei noch eine Menge unverarbeitete Trauer. Und Arne Kopfermann erzählt von Reaktionen wie: „Was, du trauerst noch?“, von Sprüchen, die ihm einen dicken Hals bereiten.

Mit seinen Konzertlesungen will Arne Kopfermann denen eine Stimme leihen, die selbst durch die erdrutschartige Erfahrung eines überwältigenden persönlichen Verlustes gehen müssen und sich dieser Aufgabe – wie er – in keiner Weise gewappnet fühlen.

Im November 2017 ist er gemeinsam mit „World Vision“ nach Jordanien gereist. Im Flüchtlingslager in Azraq und in der Hauptstadt Amman konnte er sich ein Bild davon machen, wie die Organisation in Kindergärten und sogenannten „Child Friendly Spaces“ den traumatisierten Kindern vor Ort hilft – mit Hilfe von Musik, darstellendem Spiel, Malen und anderen künstlerischen Ausdrucksformen. In Kressbronn konnten sich die Kirchenbesucher am Freitagabend durch ein Video ein Bild von den Zuständen machen.

Arne Kopfermann hat das „Sara-Projekt“ gegründet, um diesen Kindern eine bessere Zukunft zu schenken. Er spendet den kompletten Erlös aus dem Verkauf seiner Bücher und CDs. 25 000 Euro flossen bisher von ihm.

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