Die erste Frau in der nautischen Crew der „Hohentwiel“ nach 106 Jahren

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 Die restaurierte „Hohentwiel“ kreuzt seit fast 30 Jahren auf dem Bodensee.
Die restaurierte „Hohentwiel“ kreuzt seit fast 30 Jahren auf dem Bodensee. (Foto: Roland Rasemann)
Hildegard Nagler

Es ist einer dieser traumhaft schönen Herbstabende auf dem Bodensee. Die „Hohentwiel“, der letzte Schaufelraddampfer, 1913 für den württembergischen König gebaut, fährt der untergehenden Sonne entgegen. Fein gekleidete Passagiere stehen an Deck, genießen das Naturschauspiel.

Zwei Decks weiter unten genießt eine junge Frau einen ganz anderen Anblick: Conny Simma, erste Frau in der nautischen Crew seit 106 Jahren, schaut auf die mittlerweile einzigartige, von Escher Wyss & Cie Zürich und Ravensburg vor mehr als 100 Jahren gebaute Original-Dampfmaschine. Die blauen Augen der 23-Jährigen, die demnächst ihre erste Saison auf der „Hohentwiel“ als Maschinistin beendet, strahlen, als sie sagt: „Das erste Mal, als ich diese Maschine gesehen habe, hat es mich total umgehauen. Es war Liebe auf den ersten Blick.“

Ich finde es faszinierend, was alles ohne Strom und ganz mechanisch möglich ist.

Conny Simma

Als hätte sie nie in ihrem Leben etwas anderes getan, hievt die 1,65 Meter große Frau mit dem braunen gelockten Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat, einen extrem großen 100er-Gabelschlüssel aus seiner Halterung. Ein eleganter Sprung, Conny Simma steht auf einer Trittstufe an der Maschine. Chefmaschinist Christian Hämmerle reicht ihr das rund 20 Kilogramm schwere Werkzeug, sie setzt es an einer Schraube an, dreht beherzt. „Ich bin glücklich, hier mit und an dieser Maschine arbeiten zu dürfen“, sagt Conny Simma. „Ich finde es faszinierend, was alles ohne Strom und ganz mechanisch möglich ist.“

Ein Satz wie „Ich kenne die Hohentwiel seit Kindheitstagen, bin immer gerne auf ihr gefahren und habe mir gewünscht, eines Tages als erste Frau in der nautischen Besatzung zu arbeiten“ würde jetzt passen. Doch den gibt es nicht in Conny Simmas Repertoire.

Mit dem Kinderquad fing die Technikbegeisterung an

Sie wächst mit einem Zwillingsbruder und den beiden jüngeren Geschwistern in Alberschwende, einem Dorf im Bregenzerwald, auf einem Bauernhof auf. Packt, wo nötig, mit an. Gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder düst Conny Simma gern auf einem Kinderquad auf einer Wiese herum, später mit dem alten Fiat Panda „Fred“ ihrer Mutter. Bald darauf kaufen sich die Zwillinge eigene Crossmaschinen, zerlegen und reparieren sie auch. Und so verwundert es niemanden, als sich Conny für die vierjährige Ausbildung zur Maschinenbau- und Automatisierungstechnikerin entscheidet und im Anschluss in einem großen Unternehmen in der Instandhaltung Excenter und Hydraulik-Press- und Stanzmaschinen wartet.

Der Käpt'n ist skeptisch

Gesehen hat sie die „Hohentwiel“ mittlerweile auf dem Bodensee, an Bord des majestätischen Schaufelraddampfers war sie aber noch nie. Eines Tages entdeckt Conny Simma in der Tageszeitung eine Anzeige „Nautische(r) Mitarbeiter/Mitarbeiterin gesucht“. „Da ich mich schon seit Kindestagen für Dampfmaschinen und die Mechanik der früheren Zeit interessiere, fühle ich mich von Ihrem Stellenangebot sehr angesprochen“, schreibt sie in ihrer Bewerbung an Kapitän Adolf F. Konstatzky.

Dieser ist zunächst verunsichert. Bisher hatte sich nur eine Frau als Matrose beworben, dann aber aufgrund der ungewöhnlichen Arbeitszeiten – Hochsaison ist im Sommer, gearbeitet wird auch am Wochenende bis spät in die Nacht – abgesagt. Die junge Frau bekommt eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.

Zum ersten Mal in ihrem Leben ist Conny Simma auf der „Hohentwiel“. Staunt über die Schönheit des majestätischen Schiffes, das 1962 ausgemustert, nur durch das Engagement einiger Visionäre des Vereins „Internationales Bodensee-Schifffahrtsmuseum“ vor dem Schneidbrenner gerettet wurde. Nach dem zweiten Stapellauf am 17. Mai 1990 wird der Schaufelraddampfer zum bestrestaurierten Schiff Europas gekürt.

Wir wollten auch ein Zeichen dafür setzen, dass Frauen sehr wohl in der Schifffahrt willkommen sind. Sie tun dieser testosterongeschwängerten Umgebung gut.

Kapitän Adolf Konstatzky

Das Vorstellungsgespräch dauert lange. Als Cornelia Simma in den Maschinenraum geführt wird, ist es um sie geschehen. Mit großen Augen bestaunt sie die Dampfmaschine. „Da haben wir gespürt: Sie gehört zu uns“, erklären der Kapitän, sein Steuermann Robert Kössler, Chefmaschinist Christian Hämmerle und der zweite Maschinist Florian Pausch unisono. Conny Simma bekommt den Job. Der Kapitän sagt: „Wir wollten auch ein Zeichen dafür setzen, dass Frauen sehr wohl in der Schifffahrt willkommen sind. Sie tun dieser testosterongeschwängerten Umgebung gut.“

Uniform wie zu Königs Zeiten

Seit 1. Juni ist Conny Simma auf der „Hohentwiel“, hat „sehr viel Neues“ gelernt – und keine Minute bereut. Drei Stunden vor jeder Fahrt kommt sie aufs Schiff, bereitet es mit ihren Kollegen vor. So schlämmt sie etwa ausgefallenen Kalk aus den Kesseln, die bis zur Abfahrt unter 10 Bar Druck stehen – die Kessel haben eine Heizleistung von rund 10 000 PS. Mit Begeisterung klettert sie in die beiden roten Schaufelräder, die einen Durchmesser von rund vier Metern haben, kontrolliert alle Muttern und Schrauben. Dann, kurz vor Fahrtbeginn, heißt es: Uniform anlegen wie schon zu Königs Zeiten, als die Besatzungsmitglieder von der kaiserlichen Marine rekrutiert wurden. Mit einem Unterschied: Niemals wäre seinerzeit eine Frau in der nautischen Crew denkbar gewesen.

Die Hohentwiel als würdevolle alte Dame

Eine Frau? Ein paar Passagiere fragen, als sie Conny Simma im Maschinenraum entdeckt haben: Tut die sich da unten nicht weh? Darüber kann die 23-Jährige, die gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen auf engem Raum im Sommer stundenlang bis zu 40 Grad Celsius erträgt, nur schmunzeln. Chauvi-Sprüche lassen sie kalt. Dagegen freut sie sich, wenn Frauen ihr den nach oben gestreckten Daumen zeigen, ganz nach dem Motto: Klasse, weiter so! Auch die Kollegen sind voll des Lobes über das neue Crew-Mitglied. Chefmaschinist Hämmerle und Steuermann Robert Kössler bescheinigen der jungen Frau ein „fast unglaubliches Talent“, sie könne sich hervorragend in die Maschine, die manchmal „ein wenig zickig ist“, einfühlen. „Man muss halt mit ihr sprechen“, sagt Cornelia Simma trocken. „Natürlich mit dem nötigen Respekt. Ist schließlich eine würdevolle alte Dame.“

Wenn die Hohentwiel gut gepflegt wird, wird sie uns alle überleben.

Conny Simma

Bereits zwei Monate, nachdem sie als Maschinistin angefangen hatte, durfte Conny Simma ihr erstes Anlegemanöver fahren, sprich, vom Maschinenraum aus das Schiff „einparken“. „Alles hat super geklappt“, lobt Chefmaschinist Hämmerle, seit 1997 auf der „Hohentwiel“. Die Maschinistin sagt: „Kurz danach stand ich beim Kapitän auf der Kommandobrücke. Hätte ich gewusst, wie nah man an den Hafen kommt, bevor das Kommando für das Rückwärtsfahren der Maschine gegeben wird, das sie bremst, hätte ich es nicht gemacht.“

Mehr als 300.000 Kilometer und 713.000 Fahrgäste

Die alte „Hohentwiel“ und die junge Maschinistin – sie verstehen sich glänzend. Deshalb macht es Conny Simma auch nichts aus, wenn sie zum Saisonabschluss beim Putzen des Schaufelraddampfer-Kamins pechschwarz wird. Sie hat ihren Traumjob gefunden. Und so freut sie sich aufs nächste Jahr, wenn 30 Jahre zweite Jungfernfahrt „Hohentwiel“ gefeiert wird: Dann hat der Schaufelraddampfer seit dem 17. Mai 1990 unfallfrei und ohne technische Ausfälle insgesamt 302.058 Kilometer zurückgelegt und 713.370 Fahrgäste über den Bodensee geschippert.

Weiterhin wird Conny Simma auf die Maschine achten, ihr ganz genau zuhören, ganz für die alte Dame da sein. „Ich habe das Gefühl, dass die alten Maschinen wesentlich mehr Verständnis und Liebe benötigen, um zu funktionieren, als die neuen“, sagt Conny Simma. Und fügt im Brustton der Überzeugung an: „Wenn die Hohentwiel gut gepflegt wird, wird sie uns alle überleben.“

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