Die Bewegung des grünen Sandes

Lesedauer: 5 Min
Schwäbische Zeitung

Ein Taucher positioniert blau bemalte Steine auf den Boden des Sees. Er schwimmt zurück zum Boot, lässt sich einen Behälter mit grün gefärbten Sand geben. Er taucht unter, gibt den Sand in eine Schale, macht Fotos, misst die Positionen. Er ist konzentriert, spricht jeden Handlungsschritt mit der Bootbesatzung ab. All das passiert in Ufernähe von Kressbronn, auf einer fünf mal fünf Quadratmeter großen Fläche, nördlich vom Landungssteg, in rund 1,50 Meter Wassertiefe.

Es gibt drei dieser Flächen vor Kressbronn – eine näher am Ufer, eine weiter entfernt. Das Kressbronner Ufer ist wiederum eine von insgesamt sechs Positionen am nördlichen Bodenseeufer, an denen Wissenschaftler bis April 2018 Experimente durchführen. Wissenschaftler wie Wolfgang Ostendorp, Dozent am Limnologischen Institut der Universität Konstanz, und wie der Taucher Wolfgang Hohl, Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. Beide Einrichtungen sind Teil des kooperativen Projekts „HyMoBioStrategie“. Das Verbundprojekt, das im April 2015 startete, untersucht die Auswirkungen struktureller Veränderungen auf das Seeufer. „Die Ergebnisse sollen zeigen, wie sich Seenutzung durch Schifffahrt und Uferverbauungen auf den Sohltransport, auf Wellen und Strömungen auswirken und wie sich im Unterschied dazu Renaturierungsmaßnahmen darstellen. Das alles verglichen mit einer naturnahen Situation, die wir allerdings am Bodensee nur an wenigen Stellen haben“, fasst Ostendorp das Ziel des Projekts zusammen. Das, was an diesem Morgen in der Kressbronner Bucht gemacht wird, entspricht dem Abschluss eines Versuchaufbaus. Erst in drei Monaten werden die Wissenschaftler unter anderem die Positionen der blauen Gerölle und des grünen Sandes überprüfen und mit diesen Anfangswerten und den Messergebnissen anderer Positionen vergleichen. Haben sie sich bewegt? Wie weit? Und: warum? Noch sei wenig bekannt über Zusammenhänge zwischen Uferverbauungen und den Bedingungen in der Flachwasserzone. Dadurch hat das Projekt Modellcharakter: Einzig an großen nordamerikanischen Seen und vereinzelt an neuseeländischen Gebirgsseen habe man vergleichbare Studien gemacht.

Gefahr für die Pfahlbauten

Die Idee zum Projekt beruhe auch darauf, dass es viele Voralpenseen gebe, die am Ufer eine starke Erosion aufwiesen, von der auch die Denkmalpflege betroffen sei, erklärt Ostendorp. „Kressbronn ist von der denkmalpflegerischen Seite her nicht so brisant“, sagt er, sei aber wegen der geplanten Renaturierung interessant. Die Fläche wurde ausgewiesen, um vor diesem Hintergrund, die Datenlage zu verbessern.

„Denkmalpflegerisch“ sind die Pfahlbau-Kulturschichten in der Flachwasserzone vor Uhldingen und Sipplingen von Interesse: Erosionen gefährden die Kulturdenkmale in der Flachwasserzone. „Diese Erosionen haben massiv zugenommen“, sagt Wolfgang Hohl. Das sei auch der Grund, warum das Landesamt für Denkmalpflege am Projekt beteiligt sei. In den 80er-Jahren seien an Pfähle in Uhldingen Markierungen auf Höhe des Seebodens angebracht worden, heute stehen die Markierungen 40 Zentimeter darüber: „Das Material, der Seeboden ist weg“, sagt er. „Wir erhoffen uns, die Ursachen und Gründe für die verstärkte Erosion herauszufinden. Liegt es am Schiffverkehr? An der Uferverbauung?“ Aus diesen Erkenntnissen sollen dann Handlungsempfehlungen und -strategien abgeleitet werden, wie man dieser Erosion Einhalt gebieten und wie man sie in Zukunft vermindern kann.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen