Die bewegte Glockengeschichte von Gattnau

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 Pfarrer Don Antonio verabschiedet die drei alten Gattnauer „Damen“, die zur Kirchenrenovierung zum Glockengießer zur Überholung
Pfarrer Don Antonio verabschiedet die drei alten Gattnauer „Damen“, die zur Kirchenrenovierung zum Glockengießer zur Überholung gebracht wurden. Die Glocke bei Don Antonio ist die Jubiläumsglocke, die in ihren 400 Jahren seinerzeit ihren einzigen Ausflug aus Gattnau machte. (Foto: Walter Schmid)
Hildegard Nagler

Auch eine der acht Glocken der Basilika St. Martin in Weingarten, die in den beiden 58,8 Meter hohen Türmen hängen, hat Geburtstag: die „Hosanna“, die älteste und mit 6190 Kilogramm größte Glocke der Basilika sowie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Sie wurde 1490 von der Stuttgarter Glockengießerei Hans Ernst gegossen. Eine mittlerweile nicht mehr existierende Glockenschweißerei hat 1968/1990 einen Riss in der „Hosanna-Glocke“ repariert. Die Glocke trägt einen reichhaltigen Reliefschmuck, der erstmals Bezug auf den Blutritt nimmt. 1993 wurde die 4400 Kilogramm schwere „Gloriosa“ gegossen, die im selben Turm hängt wie „Hosanna“. Als Festglocke entlastet sie die alte Dame.

Dass Glocken nicht nur in Weingarten und in Gattnau, sondern über die Region hinaus eine große Bedeutung haben, belegen immer wieder Ereignisse. So riefen Anwohner der Schlosskirche in Friedrichshafen 2018 die Polizei – es sei etwas nicht in Ordnung. Der hinzugezogene Glockenkenner Karl Reinhard Krüger stellte fest, dass zwei Grundtöne nicht miteinander können, was auf einen Riss hindeutete. Tatsächlich stellte sich mittels eines Prüfungsverfahrens aus der Industrie heraus, dass die drittgrößte Glocke der Schlosskirche einen 20 Zentimeter langen Riss hatte.

Eine Überlieferung aus Laimnau hat Alois Hertnagel aufgezeichnet. Dort wurden im Jahr 1919, wie auch in anderen Gemeinden die Glocken zur Ablieferung ausgerufen – man brauchte Material. Mit Hilfe von Flaschenzügen habe Josef Dingler senior seinerzeit die Glocken in Laimnau vom Glockenstuhl geholt. Einige Tage hätten sie auf einem eisenbereiften Brückenwagen vor dem alten Schulhaus zur Abholung bereit gestanden – bis eines Tages der Wagen und die Glocken fehlten. Die Glocken blieben verschwunden – auch Landjäger Fuchs, der mit der Suche beauftragt worden war, konnte keinen Erfolg vermelden. Erst 1924 wurde das Geheimnis gelüftet: Josef Dingler senior und Max Wenzler hatten nachts die eisenbereiften Räder mit Säcken umwickelt und den Wagen zum Hahnenbuch gefahren, wo sie die Glocken vergruben. Gottlieb Strauß beseitigte am nächsten Morgen sämtliche Spuren, indem er mit den Pferden das Feld überackerte.

Noch heute erinnert eine Tafel mit einem Gedicht am Hahnenbuch in Laimnau – dort ist auch der Spielplatz - an diese abenteuerliche Glockengeschichte. Weil Laimnau größere Glocken bekommen hat, war aber die Rettungsaktion von Josef Dingler senior und Max Wenzler nicht umsonst: Die Glocken selbst fanden wieder einen Platz im Glockenturm – in Tannau, wie Hubert Dingler, Enkel von Josef Dingler senior, sagt. (hin)

Ein Hoch auf die Glocke „Jesus von Nazareth, König der Juden“ in der Kirche St. Gallus in Gattnau, der ehemaligen Hauptkirche der Gemeinde Kressbronn: Sie wurde 1620 gegossen, ist jetzt also 400 Jahre alt. Eigentlich sollte der Geburtstag von „Jesus von Nazareth, König der Juden“ am 16. Oktober, dem Patrozinium von St. Gallus, gefeiert werden. Doch wegen Corona musste die Geburtstagsfeier abgesagt werden. Jetzt hofft die Kirchengemeinde, dass sie im kommenden Jahr das Fest nachholen kann. Sie hat eine bewegte Glockengeschichte.

Vier Glocken gibt es in der Kirche St. Gallus in Gattnau. Zwei wurden 1514 in der Biberacher Gießhütte Vollmer gegossen, die Jubiläumsglocke 1620 in Lindau in der Glockengießerei von Johannes B. Ernst, und die neue Glocke, „Christus der König“ 1935 bei Firma Wolfart in Lauingen. Dass die Kirchengemeinde drei so alte Glocken hat, ist keine Selbstverständlichkeit: Für die beiden Weltkriege wurden mehr als 150 000 Glocken „zur Stärkung der deutschen Metallreserve für Zwecke der Kriegsführung auf lange Sicht“, wie es damals hieß, zerstört.

Die Glockenweihe im Jahr 1935 (links). Pfarrer Don Antonio verabschiedet die drei alten Gattnauer „Damen“. die zur Kirchenrenovi
Die Glockenweihe im Jahr 1935. Pfarrer Don Antonio verabschiedet die drei alten Gattnauer „Damen“. die zur Kirchenrenovierung zum Glockengießer zur Überholung gebracht wurden. Die Glocke bei Don Antonio ist die Jubiläumsglocke, die in ihren 400 Jahren seinerzeit ihren einzigen Ausflug aus Gattnau machte. (Foto: Fotos: bereitgestellt von Walter Schmid)

1918 beispielsweise ereilte die seinerzeit neueste der vier Gattnauer Glocken dieses Schicksal, wie Kirchengemeinderat Walter Schmid in der Festschrift von 1992 zur 200-Jahrfeier der jetzigen Kirche schreibt: Nachdem der damalige Pfarrer Rittelmann dem Befehl des kaiserlichen Generalkommandos gefolgt und „seine“ Kirchenglocken beschrieben und gemeldet hatte, wurde die 1881 in Biberach gegossene Glocke beschlagnahmt und für Rüstungszwecke eingeschmolzen. Die Gattnauer waren ohne die vierte Glocke offenbar nicht glücklich.

So kam es, dass Pfarrer Füchter 1934 Geld für eine neue Glocke sammelte. Nicht, indem er von Haus zu Haus ging – das war damals verboten -, sondern indem er von der Kanzel aus an die Pfarrgemeindemitglieder appellierte, sie sollten eine Spende für die Glocke ins Pfarrhaus bringen. „Dieser Appell ist erfreulicherweise von den meisten Familien befolgt worden, und es sammelten sich 5641,56 RM an“, heißt es in der Festschrift weiter, für die Walter Schmid im Pfarrarchiv und im Diözesanarchiv in Rottenburg geforscht hat. Mit dem Geld wurde die neue Glocke, Christus der König, 1935 bei Firma Wolfart in Lauingen gegossen und zum Preis von 5636,20 RM gekauft. Sie wurde am Palmsonntag, 14. April 1935, eingeweiht.

Glocken werden beschlagnahmt

Nur fünf Jahre währte die Ruhe. Am 1. März 1940 wurde durch eine Bekanntmachung im Staatsanzeiger die Beschlagnahme und Enteignung sämtlicher aus Bronze gegossenen Glocke angeordnet. Pfarrer Füchter blieb nichts anderes übrig, als am 10. Mai 1940 alle Glocken zu melden und zu beschreiben. Glück für die 1620 gegossene Glocke. Für sie erreichte Pfarrer Füchter beim Landesamt für Denkmalpflege die Einstufung in die Klasse D (von historischem und von besonders musikalischem Wert), weshalb diese Glocke nicht abgeliefert werden musste. Eine Weile sollte sie allein Dienst tun müssen, denn die anderen drei Glocken wurden am 17. Februar 1942 beschlagnahmt, abgenommen und der Reichsstelle für Metalle übergeben.

1948 dann ein glücklicher Fund: Eine der beiden Glocken aus dem Jahr 1514 wurde im Glockenlager Lünen in Hamburg entdeckt. Von der zweiten fehlte jede Spur, die dritte von 1935 war eingeschmolzen worden. Zwei Jahre währte es, bis die Gattnauer die erlösende Nachricht bekamen: Am 14. November 1950 teilte die „Transportkommission für Rückführung der Kirchenglocken“ in Hamburg Pfarrer Füchter mit, dass die verschollene Glocke wiederaufgetaucht sei. Sie war 1945 auf dem Gelände des Glockenlagers Lünen veruntreut worden. Unversehrt war sie in Westfalen wieder aufgetaucht und von dort nach Gattnau gebracht worden.

Neue Glocke kostet mehr als 14 000 DM

Drei Jahre später wurde nach mehrmaligem Geldsammeln bei der Firma Wolfart in Lauingen/Donau eine neue große Glocke zum Preis von 14087,50 DM bestellt und somit das Glockengeläut wieder vervollständigt.

So weit die bewegte Glockengeschichte. Sicher ist, wie der international renommierte Glockenexperte Kurt Kramer verdeutlicht: Am Tag des Glockengusses begann für die „Jesus von Nazareth, König der Juden“ wie für alle anderen Kirchenglocken die Arbeit in der Gießerei um 5 Uhr in der Frühe. „Der Ofen musste rechtzeitig angeheizt werden, um das Metall zu schmelzen. 1100 Grad heiß musste es werden. Die im Boden vergrabene Form wurde überprüft, ob sie auch fest mit Sand und Lehm eingestampft war. Vom Schmelzofen führten Gusskanäle am Boden bis zur Glockenform, sie wurde sorgfältig gereinigt.“ Am Nachmittag dann war es so weit - mit dem eigentlichen Guss werde „seit Menschengedenken“ immer freitags zur Sterbestunde Jesu begonnen, sprich um 15 Uhr.

Noch zuvor habe der Pfarrer mit den Anwesenden um einen guten Guss und das Gelingen der Glocke gebetet, danach die Glockengießer und die Glockenbronze gesegnet. Mit den Worten „In Gottes Namen“ habe der Gussmeister schließlich, nachdem nur noch dass Brodeln des Ofens zu hören gewesen sei, das Schweigen gebrochen und den Zapfen am Ofen geschlagen. „In feurigen Strömen ergoss sich die glühende Masse und bahnte sich ihren Weg durch die Kanäle in die Glockenform“, so Kramer über das Procedere beim Kirchenglocken-Guss. Die Glockengießer hätten dem Kommando des Meisters angespannt, aber ruhig Folge geleistet.

„Vor allem klanglich überzeugend sei die im Jahr 1620 gegossene Glocke“, heißt es bei Fachleuten heute über die 96 Zentimeter hohe Jubiläumsglocke, die einen Durchmesser von 121 Zentimeter hat. „Diese schwerrippige Glocke bringt eine beeindruckende Klangfülle mit sich und wäre ohne weiteres vom Klang her nicht als historische Glocke einzuordnen.“

Eindeutig ist sie der nicht mehr existierenden Lindauer Glockengießerei zuzuordnen: „IOHANNES BAPTISTA ERNST ZV LINDAV HAT MICH GEGOSSEN“, ist auf der Glocke zu lesen. Zudem ziert ein Friesband aus Rankenvoluten mit Blüten, aus Engelsmund entspringend, die Glocke. Und die Inschrift: IHS NAZARENUS REX IVDAEORVM TITVLVS TRIVMPHALIS, BENEDICAT ET DEFENDAT NOS AB OMNIBVS MALIS.

In einer von zwei Stegen begrenzten Zone sind die Halbfiguren von Christus und den zwölf Aposteln auf Wolken zu sehen, zudem ein Montfortwappen in Akanthusfolie, Gallus in langem Mantel mit langem Stab und Rosenkranz, zu seinen Füßen ein kleiner Bär.

Die Glocke wird eingebaut.
Die Glocke wird eingebaut. (Foto: Walter Schmid)

Walter Schmid sagt über den Namen der Jubiläumsglocke: „Ist das nicht prächtig. Ausgerechnet diese Glocke haben die Nazis im Glockenturm vor der Vernichtung verschont. Sodass der König der Juden weiterhin die Gattnauer zum Gebet und zur Ehre Gottes rufen kann.“

Außerdem sei „unser ,Jesus von Nazareth, König der Juden‘“ auch die Wetterglocke gewesen, berichtet Schmid. „Als es noch keine Hagelkanone gab, musste der Mesner bei einem nahenden Gewitter zum Glockenturm springen und die Wetterglocke läuten. Viele Gattnauer haben darauf geschworen, dass das Gebet der Glocke beziehungsweise die erzeugten Schwingungen zum Himmel steigen.“

Auch wenn die Jubiläumsfeierlichkeiten für die Glocke ausfielen, wurde sie doch von Gerlinde Roth und Werner Schlegel geputzt und wieder schön gemacht. Im neuen Jahr, das zumindest hofft man in der Kirchengemeinde Gattnau, darf sie sich dann von ihrer schönsten Seite zeigen, wenn Interessierte in den Glockenturm steigen und sie dort besuchen dürfen.

Auch eine der acht Glocken der Basilika St. Martin in Weingarten, die in den beiden 58,8 Meter hohen Türmen hängen, hat Geburtstag: die „Hosanna“, die älteste und mit 6190 Kilogramm größte Glocke der Basilika sowie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Sie wurde 1490 von der Stuttgarter Glockengießerei Hans Ernst gegossen. Eine mittlerweile nicht mehr existierende Glockenschweißerei hat 1968/1990 einen Riss in der „Hosanna-Glocke“ repariert. Die Glocke trägt einen reichhaltigen Reliefschmuck, der erstmals Bezug auf den Blutritt nimmt. 1993 wurde die 4400 Kilogramm schwere „Gloriosa“ gegossen, die im selben Turm hängt wie „Hosanna“. Als Festglocke entlastet sie die alte Dame.

Dass Glocken nicht nur in Weingarten und in Gattnau, sondern über die Region hinaus eine große Bedeutung haben, belegen immer wieder Ereignisse. So riefen Anwohner der Schlosskirche in Friedrichshafen 2018 die Polizei – es sei etwas nicht in Ordnung. Der hinzugezogene Glockenkenner Karl Reinhard Krüger stellte fest, dass zwei Grundtöne nicht miteinander können, was auf einen Riss hindeutete. Tatsächlich stellte sich mittels eines Prüfungsverfahrens aus der Industrie heraus, dass die drittgrößte Glocke der Schlosskirche einen 20 Zentimeter langen Riss hatte.

Eine Überlieferung aus Laimnau hat Alois Hertnagel aufgezeichnet. Dort wurden im Jahr 1919, wie auch in anderen Gemeinden die Glocken zur Ablieferung ausgerufen – man brauchte Material. Mit Hilfe von Flaschenzügen habe Josef Dingler senior seinerzeit die Glocken in Laimnau vom Glockenstuhl geholt. Einige Tage hätten sie auf einem eisenbereiften Brückenwagen vor dem alten Schulhaus zur Abholung bereit gestanden – bis eines Tages der Wagen und die Glocken fehlten. Die Glocken blieben verschwunden – auch Landjäger Fuchs, der mit der Suche beauftragt worden war, konnte keinen Erfolg vermelden. Erst 1924 wurde das Geheimnis gelüftet: Josef Dingler senior und Max Wenzler hatten nachts die eisenbereiften Räder mit Säcken umwickelt und den Wagen zum Hahnenbuch gefahren, wo sie die Glocken vergruben. Gottlieb Strauß beseitigte am nächsten Morgen sämtliche Spuren, indem er mit den Pferden das Feld überackerte.

Noch heute erinnert eine Tafel mit einem Gedicht am Hahnenbuch in Laimnau – dort ist auch der Spielplatz - an diese abenteuerliche Glockengeschichte. Weil Laimnau größere Glocken bekommen hat, war aber die Rettungsaktion von Josef Dingler senior und Max Wenzler nicht umsonst: Die Glocken selbst fanden wieder einen Platz im Glockenturm – in Tannau, wie Hubert Dingler, Enkel von Josef Dingler senior, sagt. (hin)

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