Boettchers Glücksrezept: „Freu dich auf die nächste Panne“

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Uli Boettcher: Hemd auf, Sonnenbrille – und fertig ist der CEO, der auf Ferrari abfährt.
Uli Boettcher: Hemd auf, Sonnenbrille – und fertig ist der CEO, der auf Ferrari abfährt. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Mit seinem neuen Programm „Ich bin viele – eine Reise durchs Uliversum“ hat Uli Boettcher am Freitagabend die Kressbronner Festhalle wieder gut gefüllt. Man kennt und liebt ihn hier. Ein einziger Hocker steht auf der sonst leeren Bühne, sonst nichts. Uli Boettcher besitzt eine starke Ausstrahlung, seine Präsenz füllt die Bühne.

„Ich weiß, warum Sie hier sind“, begrüßt er sein Publikum und lobt die Vorzüge des klimatisierten Raums. Hinten kommt jemand mit leichter Verspätung, ein erstes willkommenes Opfer. Mit schelmischem Charme gibt der Kabarettist gleich noch eins drauf: „Noch ist es hell im Saal, da sehe ich auch, was sich hinten tut“, warnt er.

Ob sich die Besucher in der ersten Reihe an diesem Abend in Sicherheit wiegen dürfen? Besser nicht. Aber bei aller Direktheit, mit der er auf Einzelne zugeht, ist er nie verletzend. Wie schön für die Nicht-Angesprochenen, die voller Schadenfreude seine Attacken auf andere genießen dürfen. Aber Vorsicht: Es könnte einen doch noch erwischen!

In seinem neuen Programm thematisiert Boettcher nicht einen bestimmten Lebensabschnitt, sondern wechselt häufig die Perspektive: Wie wäre es, wenn man als ein ganz anderer aufwachte? So stellt er der Außenansicht seiner 75-jährigen Erbtante deren Innensicht gegenüber. Fast makaber, wenn die alte Dame den Wunsch äußert, er möge ihr eine Niere leihen. Ohne besonderen Grund habe sie Knie und Hüfte und natürlich die Zähne auf den neuesten Stand gebracht, nur die Nieren würden nicht mehr hundertprozentig funktionieren. Was liegt also näher, als den Neffen um eine Nierenspende auf Zeit zu bitten. Die alte Tante muss noch öfter herhalten, etwa wenn es darum geht, was im Sexleben normal sei. Boettcher hat wohl das richtige Thema angeschnitten, denn es sprudelt nur so aus ihr heraus, besonders wenn sie ihre Freundin zitiert. Testosterongesteuerte Männer sind ohnedies eines seiner Lieblingsthemen.

Eine Sonnenbrille aufgesetzt, die Hemdknöpfe auf und er ist der CEO eines Start-up-Unternehmens, der im Finanzwesen tätige Nachbar, dessen ganze Liebe seinem roten Ferrari gehört, in dessen umwerfendem Sound er seine wahre Erfüllung findet. Bloß kein Mann als Beifahrer, denn der würde die ganze Zeit nur quatschen, begeistert vom Sound, vom Anzugsvermögen. Eine Frau dagegen würde still und blass im Leder sitzen. Boettcher wechselt wieder, sieht die Welt aus der Sicht seiner Frau.

Auch der Sohnemann darf nicht fehlen: Schon zum Erbarmen, wie er nach der Pause den Kapuzenpulli über den Kopf zieht und die Beine von der Bühne baumeln lässt: „Ich bin der Sohn vom Alten. Ich hab immer vom Geld von anderen gelebt, ich weiß nicht, wie ich mich umgewöhnen soll.“ Lässig seien im Monat an die 400 Euro zusammengekommen an Schweigegeldern und Sonderzahlungen – und jetzt soll er eigenes Geld verdienen? Und das, nachdem die Eltern ihn mit Dinkelkeks in die Abhängigkeit gezwungen hätten?

Boettcher verwandelt sich zurück, wird Schwager, ungelenker Handwerker, Prokrastinierer, sprich einer, der alles aufschiebt. Szenen, die man aus dem Alltag so oder so ähnlich kennt. Und das kommt an, und das obwohl die Handwerkerquote im Publikum höchstens bei drei Prozent liege. Nach starkem Applaus gibt es als Zugabe einen Reifenplatzer auf der Autobahn. Innerer Macho kämpft contra innere Tussi, Polizei und ADAC sind wider Erwarten hilfsbereit, daher: „Freu dich auf die nächste Panne.“

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