Ausstellung verdeutlicht: „Das vergisst man gar nicht“

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Ein gutes Team: Die Mitglieder der „Arbeitsgruppe Erster Weltkrieg“ des Vereins zur Erhaltung der Hofanlage Milz – auf unserm B
Ein gutes Team: Die Mitglieder der „Arbeitsgruppe Erster Weltkrieg“ des Vereins zur Erhaltung der Hofanlage Milz – auf unserm Bild Karl Alfred Schwaderer, Petra Sachs-Gleich, Elke Fischer, Walter Schmid, Christina Kieble und Willi Huster (von link (Foto: big)
Brigitte Geiselhart

„Ihr könnt euch das nicht vorstellen. Es geht furchtbar zu an der Front.“ Ein bewegender Satz, der aus einem Feldpostbrief stammt, den Wilhelm Müller an seine Lieben zu Hause schrieb. Das war vor gut 100 Jahren. Heute sind seine Briefe Teil der Ausstellung „Das vergisst man gar nicht“, die am Sonntagnachmittag in der Hofanlage Milz in Retterschen eröffnet wurde. Eine Ausstellung, die in vielfacher Hinsicht bemerkenswert ist. Spürt sie doch den Gefühlen von Männern, Frauen und Kindern nach, die aus den damaligen Gemeinden Hemigkofen und Nonnenbach stammten, die 1934 zur heutigen Gemeinde Kressbronn zusammengeschlossen wurden. Ohne Heldengedenken oder übertriebenen Pathos geht es um Menschen, die im aberwitzigen Gemetzel des Ersten Weltkriegs um ihr Leben kämpfen mussten – und Menschen, die in der Heimat zurückblieben und Tag für Tag in Hoffen und Bangen verbrachten. Ideengeberin für diese Ausstellung war die 1907 geborene Theresia Milz, die noch im hohen Alter sich an ihre Kindheit erinnerte, die von Entbehrungen und Krieg geprägt war.

Ermöglicht wurde die Ausstellung durch öffentliches und privates Quellenmaterial, das ein Jahrhundert überdauert hat – und durch beispielhaftes ehrenamtliches Engagement der Arbeitsgruppe „Erster Weltkrieg“ des Vereins zur Erhaltung der Hofanlage Milz. Schicksale werden nahegebracht – wie das von Wilhelm Müller. „Ich habe eine ganze Schachtel mit Feldpostbriefen zu Hause. Die ersten waren noch in Sütterlin geschrieben, spätere dann auch in deutscher Schrift“, sagt sein Sohn Rudi. Sein Vater hat zwar eine Kugel abbekommen, aber er hat den Weltkrieg überlebt. Ein Glück, das nicht alle Kriegsteilnehmer aus Hemigkofen und Nonnenbach hatten. „Wann also, wenn nicht jetzt der Frage nachgehen, was der Erste Weltkrieg für die Familien auf dem Hof Milz und den anderen Familien in unseren damaligen Gemeinden bedeute“, fragt die Vorsitzende Petra Sachs-Gleich zur Begrüßung in die Runde – um die passende Antwort gleich parat zu haben. „Wir sind ein Verein, also warum nicht mal versuchen, dieses Thema als gemeinsames Projekt anzugehen“, sagt sie und trifft auf wohlwollende Zustimmung der Besucher. Eine Gruppe von ursprünglich acht Männern und Frauen habe sich im Vorfeld gewinnen lassen – viele Laien, einige mit Erfahrung in der Vergangenheitsaufarbeitung. Man habe die überraschende Erfahrung machen dürfen, dass es in den Archiven in Kirche und Gemeinde, nicht zuletzt im privaten Besitz, nach wie vor wertvolle Quellen gebe, um die jetzt eröffnete Ausstellung mit Leben zu füllen. „Das Mehr an Wissen um die Vergangenheit erweist sich als Bereicherung, eröffnet ganz neue Perspektiven auf die Gegenwart in der Gemeinde und beflügelt das Nachdenken über die Zukunft“, sagt Petra Sachs-Gleich.

Kaiser Wilhelm II. spricht

Die Ausstellung im Hof Milz wird in verschiedenen Räumen mit je unterschiedlichen Schwerpunkten gezeigt – im Heustock des Hauptgebäudes, in der Scheuer und im Keller der Remise. Eine Ansprache Kaiser Wilhelms II. ist als Audiopräsentation zu hören, Interviewauszüge des Gesprächs von 1990 mit Theresia Milz und wechselnde Präsentationsformen werden gezeigt. „Von der Schulbank in den Krieg“, „Alltag in der Heimat“ und viele andere Themen werden sensibel beleuchtet.

Viele Besucher sind an diesem Sonntag gekommen. Unter ihnen Bärbel Köberle. Sie ist in Tettnang geboren und in Kressbronn aufgewachsen. Zu den Ausstellungsexponaten zählt ein Tagebuch ihres Großvaters, das er als Kriegsteilnehmer im Alter von 23 Jahren geschrieben hat. Bärbel Köberle verweist auf ein „letztes Gedicht“ aus der Feder des Opas. „Es ist poetisch und hat mich sehr berührt“, sagt sie.

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