Auf Schloss Gießen wird gemordet

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 Grusel ist auf Schloss Gießen mit Arnd Bitsch geboten.
Grusel ist auf Schloss Gießen mit Arnd Bitsch geboten. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Zur Lesung aus Robert Louis Stevensons Klassiker „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, einer der berühmtesten Kriminalgeschichten der Weltliteratur, hat das Kulturamt Kressbronn am Freitag ins Schloss Gießen eingeladen. So viele sind zu der Lesung im Rahmen der fünften Kressbronner Krimi-Nächte gekommen, dass an der Türe das bei Veranstaltern so beliebte Schild „ausverkauft“ den Besuchern signalisierte, dass hier etwas Besonderes zu erleben sein würde.

Das mit viel Liebe und Sachverstand restaurierte Schloss Gießen ist dank dem Entgegenkommen der Schlossherren Werner Heine und Wilfried Hötzinger seit Jahren ein beliebter Ort für besondere Events. Über knarrende Holztreppen kommt man in den Saal, sieht die dicken Wände, über einem die schweren, rissigen Balken. Auf moderner, gut gepolsterter Bestuhlung lässt sich die zweistündige Lesung gut aushalten. Zwar ist es nicht das Ambiente eines alten englischen Herrenhauses von 1886, aber doch ein besonderes Ambiente. Vorne wartet auf einem kleinen Podest mit Perserteppich ein Sessel mit herrlichem Gobelin-Polster auf den Lesenden.

Arnd Bitsch, in schwarzer Hose, weißem Hemd und glänzenden Lackschuhen, setzt sich in den Sessel, mustert sein gespannt wartendes Publikum, will gerade anfangen, da meldet sich noch eine alte Uhr laut und wichtig. Zwei Stunden lang liest Bitsch aus der deutschen Übersetzung die geschickt gestrichene Erzählung. Für die genaue Beschreibung der Menschen und der Orte hat er ebenso Platz gelassen wie für die Entwicklung eines höchst merkwürdigen Geschehens.

Seit seiner Jugend spürt Doktor Jekyll ein gespaltetes Ich. „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“, lässt Goethe seinen Faust einmal sagen. Doktor Jekyll verdrängt und bändigt lange das Böse in sich, doch dann gelingt es ihm mithilfe eines geheimnisvollen Tranks, seine Identität nach Belieben zu wechseln: Mal ist er der gute, freundliche, von allen hochverehrte Dr. Jekyll, mal das immer wüstere, ekelerregende Monster Mr. Hyde. Doch irgendwann gewinnt das Böse überhand, die Verwandlung lässt sich nicht mehr steuern und schreckliche Dinge passieren, ehe er als Mr. Hyde den Freitod wählt.

Zwei Stunden reine Lesung sind lang. Arnd Bitsch spricht ruhig ins Mikrofon, lässt die beiden Ichs plastisch erstehen und findet auch für die wichtigsten Nebenfiguren wie für den Erzählfluss einen eigenen Ton, der Erstaunen, Ängstlichkeit, Entsetzen in den Raum stellt. Nach der Pause gelingt es ihm schnell, die Spannung wieder aufzubauen. Es ist eine klassische Geschichte, in der man ganz im Sinne Brechts nie total in die Handlung hineingezogen wird, sondern ständig reflektierender Beobachter bleibt, anders als in modernen Texten, bei denen man den Atem des Bösen im Nacken zu spüren vermeint. Der Autor hat übrigens auch die ebenfalls hochberühmte und verfilmte „Schatzinsel“ geschrieben, keineswegs nur ein Kinderbuch.

Arnd Bitsch hat seine Lesung zu Dr. Jekyll und Mr. Hyde am Sonntagabend wiederholt, zudem hat er am Samstag auf Schloss Gießen für Kinder aus Cornelia Funkes Kinderkrimi „Gespensterjäger auf eisiger Spur“ gelesen. Die Kressbronner Krimi-Nächte sind allein schon durch ihre Auswahl gut für ein spannendes Gesamtevent, und das noch bis zum 4. Dezember.

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