Alexander Simm vermag, mit Sätzen Bilder zu malen

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Ganz bei sich und in der „Stadt der Lichter“: Alexander Simm. (Foto: Lilly Milz)
Schwäbische Zeitung
Lilly Milz

Alexander Simm hat am Donnerstag in der Gemeindebücherei Kressbronn sein Manuskript „Die Stadt der ewigen Lichter“ vor. Der junge Autor gab auch Einsichten in den komplizierten Schaffensprozess eines Literaten.

Alexander Simm ist 1981 am Bodensee geboren und heute Gymnasiallehrer in Konstanz, wo er auch den ersten „Konstanzer Poetry Slam“ ins Leben rief. Um ihm zu lauschen hatten sich etwa fünfzig germanistisch begeisterte Hörer in der Bücherei versammelt. „Es ist ein Roman, der in kein Schema passt, aber trotzdem wunderschön“, ließ Kulturbeauftragte Christina Döneke einleitend verlauten – und nach einigen Minuten war den Rezipienten bewusst, was sie meinte.

Simm zitierte zunächst seine eigene Zusammenfassung der Handlung, bevor er auszugsweise Kapitel aus seinem Roman präsentierte. Seine Stimme erinnerte an Rufus Beck. Der studierte Gymnasiallehrer las lebendig und stimmlich differenziert. So kommentierte auch das Publikum seinen Vortrag: „Wenn du das liest, hat man das Gefühl, du lebst das.“

Es gelang ihm, mit Sätzen Bilder zu malen, er spielte mit Perspektiven, tangierte philosophische Gedanken und würzte mit Intertextualität. Einen Schwenk zu Kant, einen Abstecher nach Venedig, der Stadt im Dschungelbuch. „Ich spiele gern mit der Autorenfiktion und mit den verschiedenen Ebenen, die Literatur bietet“, erklärte Simm sein Vorgehen. Ein wahrer Sprachästhet bot die ausgefeilten Formulierungen seiner Gedanken dar und verzückte so das Publikum.

Inhaltlich war die Handlung schwer zu fassen: Ein Protagonist in Venedig, der sich auf die Suche nach seiner verschwundenen Freundin begibt und sich Hals über Kopf in einer Kriminalgeschichte verliert. Die Handlungsstränge verworren sich in einander, die Grenzen zwischen Imagination, Erinnerung und Realität verwischten. Um einen Überblick über die Figurenkonstellationen zu behalten, musste Simm selbst sich, während der Schreibarbeit, ein Kärtchen-Schaubild auf dem Wohnzimmerboden zu Nutze machen.

Das Konzept der tiefen Charaktere, die sich gegenseitig in der Existenz bedingen und verschiedene Perspektiven auf dieselbe Geschichte eröffnen, erinnerte in seiner Komplexität an die Struktur von J.K. Rowlings „Ein plötzlicher Todesfall“. Obwohl Simm in der Darstellung eben diese Raffinesse zeigte, zeugten Sprache und Aufbau der Geschichte von Kreativität und eigener Inspiration.

Neben dem aktuellen Manuskript existieren bisweilen 55 Versionen des Romans, da sich während der Schreibarbeit Konzeptionen und Figurendarstellungen verändert haben. „Es hat mich zum Teil selbst interessiert, wie die Geschichte ausgehen könnte“, berichtete Simm Döneke im anschließenden Interview. Interessant war auch die Geschichte um den Romantitel, der bereits vor der Geschichte existierte: „Die Stadt der Lichter ist für mich eine Stadt, in der immer Licht an sein muss, weil es stockdunkel ist.“

Der Autor spielt mit der Hell-Dunkel Motivik und knüpft damit an das Schaffen der ganz Großen an: Auch Kant, Schiller, der deutsche Krimi-Preisträger Henning Mankell und der Maler René Magritte (um nur einige zu nennen) beschäftigen sich mit eben genanntem Phänomen.

Wer das Werk als bald in der Buchhandlung sucht, sollte sich aber in Acht nehmen: Der Titel wird geändert. Angedacht ist der Neologismus „Das Schattenritornell“. Die Idee für den Roman fand der Autor in seinen eigenen Gedanken: „Wie bei Jedem der schreibt, beginnt man bei sich selbst.“ Über fünf Jahre hat Alexander Simm an seinen720 Seiten gefeilt. Ein Verlag ist bisher noch nicht gefunden, auch wenn es schon Gespräche gibt. „Als Autor muss man versuchen die Dinge anders zu sehen und zu Ende zu denken. Außerdem braucht man eine hohe Frustrationstoleranz“, Erläuterte Simm zur Verlagsarbeit. Glücklicherweise ist er finanziell durch seine Lehrbeauftragung nicht auf die schnelle Veröffentlichung angewiesen.

Auch thematisch bietet das literarische Freiheiten: „Ich schreibe das, was ich will, und nicht das, was ich muss.“ Vielleicht war es genau diese Frische und Unkoventionalität, die diese Sitzung der „Junge Autoren lesen“-Reihe so fesselnd gestaltete. „Ich wollte für mich ein Buch schreiben, das ich selber gerne lesen würde“, fasste Simm zusammen. Mit dieser Leselust steht er nach diesem Abend sicher nicht alleine.

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