„Ü50“: Zwischen Silberrücken und Alpha-Männchen

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Uli Boettcher in Kressbronn: Der „Ü50“-Mann hat's auch nicht leicht.
Uli Boettcher in Kressbronn: Der „Ü50“-Mann hat's auch nicht leicht. (Foto: hv)
Schwäbische Zeitung
Helmut Voith

Für eine restlos volle Festhalle hat am Samstagabend der von Ulrike Martin eingeladene Uli Boettcher gesorgt. An die hundert weitere Interessenten hat sie sogar wegschicken müssen.

Uli Boettcher ist Profi, ist Selbständiger. Und was wenn ihn die Grippe erwischt, er sich durch den Husten kämpfen muss? Dann spielt er trotzdem, er lässt sein Publikum nicht im Stich. Bis von weit her sind die Gäste gekommen, um sein Programm „Ü50 – Silberrücken im Nebel“ mitzuerleben.

Vorbei sind die Zeiten, als er mit seiner Frau ausmacht, wer zum Elternabend „darf“. Die Kinder haben das Nest verlassen, um zu studieren. Da kommen ganz andere Probleme, die viele der Anwesenden kennen. Dabei sind auch Jüngere im Publikum, wie die 17-jährige Anna, die sich auf die Frage nach dem jüngsten Besucher geoutet hat. Ähnlich wie den 53-jährigen Jürgen spricht Uli Boettcher sie an diesem Abend immer wieder an. Nie zu direkt, sondern so, dass es allen Spaß macht.

Alle alt geworden

Die „Ü50-Männer“ vergleicht er mit den Silberrücken, den geachteten Anführern einer Gorilla-Horde. Noch haben sie das Sagen, aber ständig drängen die jungen Alpha-Männchen, die selbst an die Führung wollen. Es ist aus dem Leben gegriffen, was Boettcher einen Mann erleiden lässt, der aus der Entwicklungsabteilung in eine tiefer stehende Abteilung versetzt wird, erst den Aufstand plant und am Ende mit einer noch schlechteren Position abgespeist wird. Mit dem Sport klappt es auch nicht mehr so: Mann weicht auf das Rad aus, vielleicht sogar auf ein E-Bike und wird so zum „Lügenbikefahrer“. Ein Schock sind die Klassentreffen: „Wie alt die alle geworden sind!“

Immer wieder sind die Kinder dran: „Puppen als Kinder hätten mir genügt – die Idee ist vielversprechend, aber die Realität nicht auszuhalten.“ Nach bestem Wissen hat man sie gefördert. Da kommen dann kernige Aussagen wie „Kinder sollten erst dann Geige spielen, wenn sie’s können.“ Jetzt versuchen sie, per Telefon den Vater anzupumpen, wer könnte da widerstehen? Ein neues Problem: Kaum sind die Kinder weg, wollen die Eltern einziehen – ein Mehrgenerationenhaus, das wär‘s. Boettchers Frau weiß es zu verhindern – wie sie’s in diesem speziellen Fall anstellt, das sei hier nicht verraten, aber: „Frauen lösen Probleme, nicht wir – wir Männer sind oft das Problem.“

Als Zugabe – Boettcher läuft noch einmal zur Höchstform auf – schildert er, wie sein neues Auto seine ersten Beulen bekommt. Warum sich aufregen, wenn weitere dazukommen? Der Verursacher ist jedenfalls verblüfft, als dem Geschädigten die pünktliche Ankunft am Skihang wichtiger ist als die neuen Beulen, und er selbst ist glücklich über seine „Ent-Hysterisierung“. Doch ansonsten ist es mit der beginnenden Abgeklärtheit des Alters noch nicht so weit her. Im Gegenteil: Manches geht ihm jetzt noch mehr auf den Wecker und das Publikum stimmt ihm zu. Boettchers Auftritte sind wie ein Spiegel und auch darum so packend. Wenn er wiederkommt, wird die Festhalle wieder zu klein sein.

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