Seniorenresidenz Tertianum
Heiko Freiherr von Soden und seine Frau Helga Freifrau von Soden sind für die letzte Lebensphase in ein teures Appartement der Tertianum Premium Residences in Konstanz gezogen. (Foto: Felix Kästle / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Kathrin Drinkuth und Carolin Gißibl

„Das eigentliche Bonbon ist unsere Wohnung“, sagt Helga Freifrau von Soden. Auf 130 Quadratmetern wohnen sie und ihr Mann Heiko im Herzen von Konstanz am Bodensee in der Seniorenresidenz Tertianum — mit allen Annehmlichkeiten einer gehobenen Unterkunft: inklusive Reinigung, Pflegefachkräften vor Ort, einem Concierge am Empfang und auf Wunsch auch Ärzten, Friseuren und Fußpflegern.

Das denkmalgeschützte Gebäude liegt im Zentrum, nur wenige Hundert Meter vom Hafen entfernt. In der Anlage gibt es ein Schwimmbad, einen Konzertsaal, eine Bibliothek, Kunstworkshops, Yogastunden, Computerkurse und Live-Konzerte. Essen können die Bewohner im eigenen Restaurant oder in dem von Sternekoch Tim Raue.

So sind gerade Kurorte oder bestimmte Ferienregionen zunehmend von einem Zuzug älterer Bürger betroffen.

Markus Jüster, Hochschule Kempten

Immer häufiger zieht es Menschen im Alter an Sehnsuchtsorte, wie Wissenschaftler der Hochschule Kempten herausgefunden haben. Neben landschaftlichen Reizen sind es meist Orte, die Ruhe, Erholung und eine gute Gesundheitsversorgung versprechen.

Das Phänomen lasse sich vor allem an einigen touristischen Hotspots rund um den Bodensee und im Allgäu beobachten. „So sind gerade Kurorte oder bestimmte Ferienregionen zunehmend von einem Zuzug älterer Bürger betroffen“, schreibt Markus Jüster von der Hochschule in einem Artikel über Altersmigration und Gesundheitstourismus.

Oft habe man die Orte schon als Tourist oder Kurgast kennengelernt und wolle im Alter dauerhaft dorthin ziehen. „Wir gehen davon aus, dass die gesamte Bodenseeregion in den kommenden Jahren und Jahrzehnten von einem vermehrten Zuzug aus den benachbarten Ballungsräumen betroffen sein wird“, so Jüster.

Essen mit Ausblick

Anderer Ort, anderes Beispiel: die Seniorenresidenz Augustinum in Meersburg. Die Bewohner schauen beim Essen im Restaurant direkt über den Bodensee, bei gutem Wetter strahlen selbst die Alpen im Sonnenschein.

Daneben gibt es ein Schwimmbad, eine Sauna, ein Friseur- und Kosmetikstudio und einen hauseigenen Theatersaal. Der Haken: Wer im Augustinum leben will, muss einen dicken Geldbeutel haben.

„Wenn man im Premium-Segment wohnen möchte, dann sind damit natürlich auch gewisse Kosten verbunden“, sagt der Direktor des Meersburger Augustinums, Richard Rheindorf.

Die Preise für Wohnen, Essen und Betreuung fingen bei rund 2000 Euro an und hörten bei etwa 10 000 Euro auf — in der Penthouse-Wohnung mit Rund-um-sorglos-Paket. Für die Bewohner inbegriffen seien etwa die Reinigung der Appartements, 14 Tage Pflege pro Jahr, ein rund um die Uhr besetzter Empfang sowie zahlreiche Sport-, Freizeit- und Kulturangebote.

Man verlässt ja seine Heimat, seinen Freundeskreis, zieht ein — und es finden sich wieder ganz neue Beziehungen hier.

Direktor des Meersburger Augustinums, Richard Rheindorf

Die Bewohner der Seniorenresidenz Augustinum kämen aus ganz Deutschland und der Schweiz, sagt Rheindorf. Die Gemeinschaft sei wichtig, oft fänden sich ganz neue Gruppen im Haus: „Man verlässt ja seine Heimat, seinen Freundeskreis, zieht ein — und es finden sich wieder ganz neue Beziehungen hier.“

Wenn Ortsfremde eine Gemeinde als letzten Lebensabschnitt wählen und ihren Alterswohnsitz dorthin verlagern, kann das Auswirkungen auf die Region haben. Paradebeispiel ist Bad Wörishofen im Allgäu. Der Kurort liegt etwa eine Autostunde von der bayerischen Landeshauptstadt entfernt und wird oft als „Altenheim Münchens“ bezeichnet.

Nicht zu Unrecht: In der Kneipp-Stadt kommen auf 100 Arbeitnehmer rund 70 Rentner, wie ein interregionales Forschungs- und Entwicklungsprojekt der Hochschule Kempten und der Fachhochschule Vorarlberg ergab.

Fast jeder Dritte der rund 16 000 Einwohner sei älter als 66 Jahre. Es handle sich aber nicht nur um wohlhabende Senioren, sagt Jüster — sondern auch um Menschen, die sich Mieten und Lebenshaltungskosten in Metropolen wie München nicht leisten können.

Infrastruktur ist gut ausgebaut

Der Senioren-Zuzug bringt sowohl Vorteile als auch Herausforderungen. In Bad Wörishofen sind die Lebensqualität und Zufriedenheit laut Jüster beispielsweise „exorbitant hoch“.

Die Infrastruktur sei sehr gut ausgebaut, vor allem in Bezug auf Ärzte und Einzelhandel. Gute Berufsperspektiven gebe es für Friseure und Physiotherapeuten. Zugleich konkurrierten bei der Immobiliensuche betuchte Senioren von auswärts mit einheimischen Familien.

Ich finde es schön, dass man hier nicht isoliert ist. Türe zu und dann ist man abseits — das ist aber oft so bei Alterswohnsitzen. 

Heiko von Soden

Von Altersmigration betroffene Regionen stünden daher vor der Aufgabe, ein Gleichgewicht der Generationen und bezahlbaren Wohnraum zu gewährleisten.

Das Tertianum, in dem das Ehepaar von Soden seit April letzten Jahres wohnt, bietet an zwei Standorten in Konstanz rund 80 Wohnungen sowie 20 Pflegeplätze an. Für sie sei es von Vorteil gewesen, dass sie sich zu einem relativ frühen Zeitpunkt zu dem Umzug entschlossen hätten, sagt Heiko von Soden.

So könnten die beiden 78-Jährigen an den kulturellen und sozialen Angeboten teilnehmen und selbst bestimmen, wie viel Umgang mit anderen Bewohnern sie wollten. „Ich finde es schön, dass man hier nicht isoliert ist. Türe zu und dann ist man abseits — das ist aber oft so bei Alterswohnsitzen.“

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