Auffangstation nimmt keine Tiere mehr auf

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Jan Scheibe

Das weiße Haus am Ende der Straße sieht unscheinbar aus. Lediglich ein braunes Schild vor dem Eingang, halb verborgen in dichtem Gestrüpp, gibt einen Hinweis auf das, was dort vor sich geht. Durch einen von Bäumen und Sträuchern gewachsenen Torbogen hindurch erhascht man einen ersten Blick auf den Garten.

Das ist sie also, die Wildtierauffangstation. Hier werden jedes Jahr über tausend wilde Tiere versorgt, gepflegt und im Idealfall wieder ausgewildert. Der Verein „Bio Top“ betreibt die Auffangstation seit 2013 in Volkertshausen, einem beschaulichen Ort im Hegau. Davor war die Station weiter südlich bei Konstanz. Und davor: „Nun, eigentlich kennen mich die Leute seit ich sieben bin gar nicht ohne Vogel auf dem Arm“, meint die Vorsitzende des Vereins, Yvonne Bütehorn von Eschstruth, lachend.

Seit 50 Jahren engagiert sich die heute 57-Jährige nun schon im Tierschutz. Auch das 5000 Quadratmeter große Grundstück samt Haus in Volkertshausen gehört ihr. Sie hat aus ihrem Haus eine Auffangstation gemacht. Dass sie derzeit jedoch in Konstanz ist, hat andere Gründe. Zuviel ist es ihr geworden: „Es ging einfach nicht mehr.“ Warum, wird sie später erläutern.

Der Garten ist ein Paradies für Tierliebhaber. Vor einer am Boden liegenden Statue sitzt Turmfalke Kuba. Auf der anderen Seite des Gartens wacht der 20 Jahre alte Falke Sari, der in der Vogelauffangstation in Volkertshausen seinen Lebensabend verbringt. „Den haben wir von einer Falknerei bekommen. Der bekommt bei uns sein Gnadenbrot“, erklärt Ines Wickhüller. Die 36-Jährige kümmert sich derzeit zusammen mit einer Handvoll freiwilliger Helfer um die rund 400 Wildtiere. Unter der Treppe ist ein provisorischer Hühnerstall. Zwischen den drei Hennen quietschen zwei Mäuse unentwegt.

Etwa 80 Prozent der eingelieferten Tiere im Jahr 2018 waren Vögel. Aber auch Säugetiere wie Igel, Eichhörnchen, Füchse oder auch zwei Rehe seien dabei gewesen. Insgesamt 1109 „Patienten“ nahm die Auffangstation im letzten Jahr auf. Davon überlebten mehr als 78 Prozent. „Ausgerichtet ist unsere Station aber eigentlich nur auf 300 Tiere“, führt Wickhüller aus. „Deswegen haben wir mittlerweile auch Aufnahmestopp. Wir können einfach nicht noch mehr Tiere aufnehmen. Wir wollen ja, dass die Tiere auch gut versorgt sind.“

Rund 150 000 Euro kostet der Unterhalt der Station jährlich. Das Geld bekommt die Station jedoch nie zusammen. Die Stadt Konstanz bezuschusst einen Teil, einiges geht über Spenden. Aber: „Oft sind die Mittel schon am Anfang vom Jahr aufgebraucht“, meint Bütehorn von Eschstruth. Sie habe nahezu ihr komplettes Vermögen in die Wildtierpflege gesteckt. „Seit 20 Jahren habe ich mir keine Kleidung mehr gekauft. Was ich brauche, bekomme ich von Freunden.“

Aber welche Bedeutung hat schon Geld, wenn es um das Leben eines Tieres geht? Für Yvonne Bütehorn von Eschstruth und Ines Wickhüller ist es pure Überzeugung, das Richtige im Leben zu tun. Anders wären die stetigen finanziellen Sorgen und der stressige Arbeitsalltag nicht zu meistern.

Aber grüner Zeitgeist, Petitionen für Artenschutz, hat denn keiner ein Herz für notleidende Wildtiere? „Es kommen schon immer wieder Leute zu uns, die helfen wollen, aber viele haben schlichtweg falsche Erwartungen. Die denken, das ist ein wenig mit Eichhörnchenbabys spielen und fertig“, betont Wickhüller. „Die meiste Arbeit ist aber Mist schaufeln.“ Mit dieser Tatsache konfrontiert nehmen viele freiwillige Helfer häufig Reißaus.

Eine, die wusste was auf sie zukommt, ist Lilli aus Hardt. Jeden Tag fährt sie die Strecke nach Volkertshausen. Lilli macht nun seit gut einem Jahr ihren Bundesfreiwilligendienst bei der Wildtierauffangstation. Falsche Erwartungen? Überrascht von der Arbeit? „Ne, das war mir schon klar“, meint sie lachend.

„Ach, schauen Sie, das ist unser Alfred“, stößt Wickhüller aus. Alfred? „Da, die Amsel dort. Den bekam ich als nacktes Babytier vor vier Jahren und der lebt mittlerweile hier im Garten. Der hat sich prächtig entwickelt und hat drei Weibchen“, erzählt sie. Drei Weibchen? Leben Amseln normal nicht monogam? „Tja…“, schmunzelt Ines Wickhüller. Dass das Sozialverhalten der Amseln so ähnlich dem des Menschen ist, wer hätte das gedacht.

Aber zurück zur Auffangstation, wie sieht denn ein normaler Tag aus? „Ich stehe um vier Uhr morgens auf und dann geht es erst einmal ans Füttern. Die Milchsäuger wie die Eichhörnchen und Igel bekommen alle zwei Stunden etwas. Und dann heißt es putzen, telefonieren, füttern und so weiter.“

Und wann endet der Tag? „So zwischen 12 und 2 Uhr nachts normal, aber wenn wir Notfälle haben, schlafe ich teilweise gar nicht.“ Wie hält man das aus? Tagtäglich für die Tiere da zu sein und das 365 Tage im Jahr?

„Ich konnte es nicht mehr“, gesteht Bütehorn von Eschstruth. Seit einigen Wochen ist sie nun in Konstanz bei einer Freundin. Sie hat es nicht mehr ausgehalten. Die verletzten, blutüberströmten Tiere, die finanziellen Unsicherheiten, einfach alles wurde zu viel.

Man merkt ihr an, wie sie mit sich hadert. Aber es sei einfach nicht mehr gegangen. „Ich muss jetzt runter fahren“, sagt sie. Was muss sich denn ändern? „Wir brauchen endlich bezahlte Stellen. Mindestens zwei Personen, die uns entlasten“, erläutert die 57-Jährige. Dafür braucht es natürlich Geld. Geld, das nicht da ist. „Aber“, meint Bütehorn von Eschstruth verzweifelt, „ich verstehe einfach nicht, warum es nicht möglich ist, eine solche Station hier zu finanzieren. Wir brauchen das!“

Denn: „Wir sind dazu da, die Schöpfung zu bewahren. Und wohin soll ein Kind ein verletztes Wildtier sonst bringen? Wir können die Tiere doch nicht sich selbst überlassen. Jedes Lebewesen hat ein Recht auf Leben“, plädiert sie weiter.

Bis sich etwas ändert, kümmert sich Ines Wickhüller nahezu alleine um die Station. Wann Yvonne Bütehorn von Eschstruth zurückkommt? „Ich habe vorhin mit ihr telefoniert und sie meinte, im Oktober“, schildert Wickhüller. Idealismus geht eben über alles.

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