Seltener Beruf: So arbeitet eine Buchbinderin aus der Region

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Frau neben einer Maschine
Papiere, Leder und Prägemaschiene - Sabine Littmann in ihrer Buchbinder-Werkstatt. (Foto: Vivien Götz)
Vivien Götz

Sabine Littmanns Reich liegt im Keller ihres Hauses. Schwere Maschinen stehen neben Regalen voller Bücher, auf dem Arbeitstisch sind Gläser mit Pinseln neben Leim und Zeichenstiften aufgereiht. „Eigentlich wollte ich Lehrerin werden“, sagt die 53-Jährige. Es kam anders: Sabine Littmann wurde Buchbinderin, genau wie ihr Vater.

Nach Stationen in Minden und Lübeck, einem nachgeholten Abitur und ihrer Meisterprüfung unterrichtet Sabine Littmann inzwischen Buchbinden an der Waldorfschule in Überlingen. Von der Arbeit in ihrer Werkstatt alleine könnte sie nicht leben: „Die Leute, die das hauptberuflich machen, arbeiten mehr als 80 Stunden die Woche“, sagt die 53-Jährige. Dieses Arbeitspensum hätte sie mit der Erziehung ihrer drei Kinder nie vereinbaren können.

 Ein Umschlag, der die Themen des Buches aufgreift – die Gestaltung von „Sophies Welt“ war ein Teil von Sabine Littmanns Meister
Ein Umschlag, der die Themen des Buches aufgreift – die Gestaltung von „Sophies Welt“ war ein Teil von Sabine Littmanns Meisterarbeit. (Foto: Vivien Götz)

Das Interesse am Buchbinden geht zu Sabine Littmanns Bedauern zurück. Neben Fotoalben und Gästebüchern bindet sie vor allem Bundessteuerblätter für große Anwaltskanzleien. „Das macht tatsächlich einen Großteil meiner Arbeit aus, weil die Steuerblätter jedes Jahr neu herausgegeben werden und die Kanzleien sie einfach vorliegen haben müssen“, erklärt sie.

Inzwischen würden sich das aber auch nur noch die großen Kanzleien leisten, sagt Littmann. Ein digitales Archiv sei nicht nur günstiger, sondern spare auch Platz.

Höherer Stellenwert in Frankreich

Nicht überall ist das Interesse am Buchbinden so stark zurück gegangen wie in Deutschland. In Frankreich habe das Buchbinden eine ganz andere Tradition, die sich bis heute bemerkbar mache: „Da hat man vor allem früher neue Bücher als lose Druckfahnen gekauft und passend zum Rest der eigenen Bibliothek einbinden lassen. Die ganze Bibliothek beispielsweise in Oasenziege-Orange.“

So kurios der Name klingt: Oasenziege ist ein traditionelles Buchbinderleder. Wegen seiner breiten Farbskala und seiner langen Haltbarkeit werden damit gerne Buchrücken und Buchdeckel bezogen.

 Alte Bücher und schwere Maschinen: Littmann bindet nicht nur Abschlussarbeiten oder Gästebücher, sondern kleidet auch Bücher ne
Alte Bücher und schwere Maschinen: Littmann bindet nicht nur Abschlussarbeiten oder Gästebücher, sondern kleidet auch Bücher neu ein. (Foto: Vivien Götz)

An der Waldorfschule wird ganz bewusst am Buchbinden festgehalten, auch wenn das Handwerk ein wenig aus der Zeit gefallen scheint. „Es ist einfach eine Tätigkeit, die viele handwerkliche Fähigkeiten verbindet, man muss planen können, kreativ sein und gleichzeitig strukturiert arbeiten“, erklärt Littmann.

Die Kinder können dabei extrem viel mitnehmen – von der Aufmerksamkeit für das Material bis hin zum Auge für Details, ist sie überzeugt. „Dass ich den Kindern mein Handwerk weitergeben kann, das ist schon toll“, sagt Littmann. Nach all den Jahren ist sie doch noch an einer Schule gelandet, das sei eine schöne Fügung.

 Mit der Prägemaschine bekommen die Bücher in Sabine Littmanns Werkstatt Titel in Silber oder Gold.
Mit der Prägemaschine bekommen die Bücher in Sabine Littmanns Werkstatt Titel in Silber oder Gold. (Foto: Fotos: Vivien Götz)

Dass der Beruf des Buchbindens mit der Digitalisierung restlos verschwindet, glaubt Sabine Littmann nicht. Mit Instagram und Pinterest gebe es Plattformen, auf denen sich ästhetische Handarbeit optimal präsentieren könne. „Das Buchbinden ist ein Handwerk, das bei den Menschen immer noch präsent ist und eine gewisse Anziehung ausübt. Deshalb wird es für den Beruf auch immer wieder neue Nischen geben“, meint die Buchbindermeisterin.

Für sie steht fest: „Auch wenn der Beruf es als eigenständiges Handwerk schwer hat, kann man von der Ausbildung auch heute noch profitieren – vor allem in kreativen Berufen die Design-lastig sind.“

Sabine Littmann hat es nie bereut, dass sie den Beruf ihres Vaters ergriffen hat: „Das Buchbinden ist einfach ein wunderschöner Beruf, ich würde mich immer wieder dafür entscheiden“, sagt sie.

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