Seltene Werke von Franz Liszt erklingen

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Die Sängerinnen und Sänger vom Philharmonia Chor Stuttgart begeistern bei der Eröffnung der 23. Konzertreihe in der Kirche St. J
Die Sängerinnen und Sänger vom Philharmonia Chor Stuttgart begeistern bei der Eröffnung der 23. Konzertreihe in der Kirche St. Jodokus. (Foto: Christian Lewang)
Gerd Kurat

Ein meditatives Konzert haben die zahlreichen Zuhörer bei der Eröffnung der 23. Konzertreihe in der Kirche St. Jodokus erlebt. Mit ausgesuchten, selten zu hörenden Werken von Franz Liszt gestalteten die professionell geschulten Sängerinnen und Sänger vom Philharmonia Chor Stuttgart unter ihrem Dirigenten, Professor Johannes Knecht, ein innerlich tief berührendes Passionskonzert. Die ausdrucksstarken Bildprojektionen von Professor Dieter Gross und die einfühlsame Klavierbegleitung von Annique Göttler verstärkten die Aussage des lupenreinen Chorgesangs.

Franz Liszt verbindet man wohl eher mit virtuosem Klavierdonner oder aufwühlenden sinfonischen Dichtungen. Aber der Glaube, die Auseinandersetzung mit der Institution Kirche, prägten das ganze Leben des Komponisten. Schon als 20-Jähriger hat er „Skizzen über zukünftige Kirchenmusik“ verfasst. Oft wird auch vergessen, dass Liszt zum Schluss seines Lebens nur noch geistliche Werke komponierte.

Mit den „Seligkeiten“ (Matthäus 5, 3-10) begann in fein abgestimmtem Wechsel zwischen Bass-Bartion Juan Camilo Yepes und dem A-capellaChor das geistliche Konzert. Die sonore, in schönen Legato-Linien geführte Solostimme verwob sich immer mehr mit dem plastischen, beweglichen, homophonen Chorsatz, das Klavier kam hinzu und Knecht führte zum romantisch-religiösen Höhepunkt in vollem Klang. Das letzte „Glückselig“ des Solisten in einnehmender Höhe ließ der Chor im „Amen“ mit einer schlichten Melodiewendung im traumhaften dreifachen Piano ausströmen.

Aus dem Sammelwerk „Harmonies poétiques et religieuses“ für Klavier präsentierte Annique Göttler das „Ave Maria“ mit empathischer Stimmführung und runden Akkordgirlanden. Nach kurzer, vollgriffiger Dramatik, einem klangvollen, einfachen Satz verflüchtigte sich die unbegleitete Melodie im Kirchenraum. Die „Via Crucis“ – die 14 Stationen des Kreuzwegs – aus dem Jahr 1879 ist das letzte Hauptwerk religiöser Musik von Liszt. Es geht auf die oben erwähnte Utopie einer reformierten Kirchenmusik zurück. Das Werk für „Volk und Gott“ mit sechs Solostimmen, gemischtem Chor und Klavier weist mit seiner ungewöhnlichen Modernität weit in die folgenden Epochen der Musikgeschichte.

Faszinierend, wie abwechslungsreich der mit unterschiedlichen Klangfarben der mit Frauen- und Männerstimmen gleichstark besetzte Chor die lateinischen Texte, meist homophon gesetzt, zum Leben erweckte. Immer aufmerksam gestützt vom Klavier, in Vor-, Zwischen- und Nachspielen treffend eingestimmt. Eine Lehrstunde für A-capella-Gesang, mit sauberster Intonation, Vorhalten und Akkorddurchgängen, vom Dirigenten mit nur kleinsten Gesten eingefordert, bot der eingeflochtene Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“. Klar, mit schönem Erzählton die Solisten aus dem Chor.

Die Projektionen mit Kreuzwegbildern von Dieter Gross, entstanden nach dem Tod seiner Eltern im Jahr 1982, bestachen durch ihre Zeitlosigkeit, gaben einen tiefen Einblick in das Seelenleben des Kunstprofessors nach dem Schicksalsschlag. Nach der Zugabe mit einem Spiritual aus dem Oratorium „A Child Of Our Time“ von Michael Tippelt, mit Bass-Solo und Sopran-Überstimme, gab es zum Schluss stehend gespendeten Applaus.

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