Haariges Bühnenprogramm und eine Suppe mit Haar

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Motiviert bis in die Haarspitzen: Helmut Bosch erklärt beim Themenabend einen furchterregenden Dauerwellenapparat aus dem Jahr 1
Motiviert bis in die Haarspitzen: Helmut Bosch erklärt beim Themenabend einen furchterregenden Dauerwellenapparat aus dem Jahr 1920, der direkt mit Strom in die Lockenwickler erhitzt wurde. Hans-Georg Rebstein wurde in den 1960er Jahren Opfer eines Friseurs und verlor mit geschlossenen Augen seine Beatles-Mähne. Evi Beller präsentierte Haarmode durch die Jahrhunderte. (Foto: hke)
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„Haarsträubende Überraschungen“ versprach der Vorsitzende des Heimatvereins, Reinhard König, zur Begrüßung im voll besetzten Winzerkeller. Beim Themenabend „Immenstaader Friseurgeschichte(n)“ war nicht nur das Bühnenprogramm, sondern auch die Musik und das Menü „haarig“.

Mit Friseurutensilien wie von einem anderen Stern, Perücken, Spiegeln und historischen Plakaten war der Winzerkeller aufwendig dekoriert. „Herr Zopf's Friseurmuseum“ in Neu-Ulm, angeblich das weltgrößte, hat den Themenabend mit Ausstellungsstücken unterstützt. Ein schwarz-weiß-Film und fast 100 Jahre alte Bilder hiesiger Friseurbetriebe stimmten die Gäste in den sechsten Themenabend des Heimatvereins ein. Von Krause, Bubikopf und Wasserwellen war die Rede und wundersamen Haarpflege-Produkten.

Passend zum Abend bestand auch das humorvolle Programm der Immenstaader A-cappella-Gruppe „Voice It“ aus „haarigen“ Stücken sowie Titeln aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Das begeisterte Publikum erfuhr beispielsweise: „Nichts ist so sexy wie Geheimratsecken.“

Die Moderation des Events hatte souverän Thomas Schmidt übernommen. Die Friseurmeister Gerlinde Bosch von der Villa Kunterbunt und Helmut Bosch von Helmuts Haarstudio hatten bereits im Vorfeld zusammen mit dem Heimatverein ausgiebig am inhaltlichen Konzept des Abends gearbeitet. Am Samstagabend standen sie mit auf der Bühne, um die Friseurgeschichte(n) aus Expertensicht zu vermitteln.

Josef Joos war ab 1904 Friseur im Haus Österlein im Wattgraben – genannt „Joos-Kurios“. Er war zudem noch als Bader für Zähne, Bärte und kranke Kinder zuständig. Robert Eisele war sein Nachfolger bis in die 1950er Jahre. An Arthur Feurer, der dort bis 1958 arbeitete, erinnerten sich viele im Winzerkeller noch im Detail – genannt „Stufen-Arthur“.

In der Seestraße West wirbelte Karl Widinger von 1925 bis in die 1960er Jahre in seinem Salon. Er nannte sich „Hoffriseur des Markgrafen“ und lebte so richtig auf als Theater- und Fastnachtsfriseur.

Im Sommerhaus Adler in der Hauptstraße war Friseur Karl Pflüger bis 1958 tätig – vor dem Haus gab es eine Tanksäule. Anschließend übernahm Arthur Feurer diesen Salon bis 1977. Damals gab es dort noch eine Männerabteilung – rechts, und eine Frauenabteilung – links. Heute werden auch noch im Salon Golden Cut in der Meersburger Straße, der Haarfabrik im Wattgraben und der Zauberstube in der Seestraße West neue Frisuren kreiert. „Die Locke“ in der Hauptstraße schloss erst vor kurzem.

Friseurin Evi Beller präsentierte an Perücken die Frisurenmode durch die Jahrhunderte. „Je höher die Frisur, umso höher der Wohlstand.“ Handgelegte Wasserwellen aus den 1960er Jahren wurden live auf der Bühne frisiert.

Begeisterten Beifall gab es vom Publikum für die weiblichen und männlichen Models der aufwendigen Frisurenschau durch die vergangenen Jahrzehnte bis zum heutigen letzten Schrei. Lisbeth Birkhofer erzählte von der Lehre im Salon Gassenbauer in Meersburg, Gerlinde Bosch lernte bei Ruth Schleifenecker.

Traumatische Salon-Erlebnisse – bis zum Versicherungsfall – gaben nicht nur die Friseurmeister zum Besten, sondern auch die Kunden. Im letzten Teil berichteten langjährige Friseurkunden von „einschneidenden“ Erlebnissen: Herbert Rück, der als Bub fürchtete, dass Karl Widinger ihm die Ohren abschneiden würde und später durch Arthur Feurer unfreiwillig eine vier Wochen haltbare Affenmaske im Gesicht trug. Monika Kilian berichtete von mit Onduliereisen eingebrannten Wellen. Konrad Veeser erzählte wie seine Mutter Rosina rosé gefärbt vom Friseur zurückkam und Wochen nur noch mit Hut ins Dorf konnte. Hans-Georg Rebstein trug für Jahrzehnte ein Friseur-Trauma davon, nachdem ihm – entspannt, bei geschlossenen Augen – Arthur Feurer die lange Beatles-Haarpracht radikal abgeschnitten hatte. Ab da schnitt er jahrelang selbst. Lilo Langenstein wollte dem Gatten mit Dauerwellen und blonden Haaren eine Freude machen und erreichte genau das Gegenteil.

Für das Menü, die Suppe mit Haar, das Ragout an Lockenwicklern und die gefärbte Wasserwelle zum Dessert, waren die Restaurants Seehof und Heinzler kreativ. Langen Applaus gab es am Ende von den Gästen für eine Bühne voller Mitwirkender und Helfer. Reinhard König hob dabei die zweite Vorsitzende des Heimatvereins Helga Bauer als „Eventmanagerin“ hervor. Ein Video des Themenabends wird demnächst auf der Internetseite des Heimatvereins für jeden zugänglich sein.

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