Aus dem Leben eines Schiffsanbinders

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Harald Freyer (vorne) ist seit mehr als 25 Jahren Schiffsanbinder. Dafür arbeitet er vor allem im Sommer, wenn andere Urlaub hab
Harald Freyer (vorne) ist seit mehr als 25 Jahren Schiffsanbinder. Dafür arbeitet er vor allem im Sommer, wenn andere Urlaub haben. (Foto: Heidi Keller)
Heidi Keller

„Hallöchen! Rollstuhlfahrer zuerst, Radfahrer zum Schluss.“ Das Kommando am Landesteg beim Ein- und Ausstieg zu den Bodenseeschiffen hat in der Seegemeinde seit 30 Jahren Harald Freyer.

Im Ort kennt ihn jeder – er gehört zur Sommersaison wie die Flaggen und die Sommerbepflanzung am Landesteg. Von morgens bis abends, bei Wind und Wetter oder Gluthitze sorgt der Schiffsanbinder dafür, dass alle Fahrgäste geordnet und unfallfrei vom Schiff runter und die neuen Gäste rauf kommen.

14 Tage wird durchgearbeitet, alle 14 Tage wechselt er sich in diesem Dienst mit seinem Kollegen Peter Heinrich ab. Er erledigt diesen Job auch schon seit mehr als 25 Jahren. 16 Schiffe legen in der Hochsaison jeden Tag in Immenstaad an. An vier Tagen pro Woche kommen noch vier weitere Schiffe Richtung Schweiz dazu. Zwischendurch sind die beiden Gemeindemitarbeiter für die Pflege der Parkanlage am Landesteg bis zum Hennenbrunnen zuständig: Müll aufsammeln, mehrmals am Tag Mülleimer leeren, Blumen gießen, Unkraut jäten und unzählige Male Auskunft geben auf die vielen Fragen der Urlauber. In der Hochsaison reicht deshalb ein Acht-Stunden-Tag lange nicht. Die Überstunden werden angesammelt und im Winter abgefeiert. Auch der Urlaub wird in der Hauptsache auf Herbst und Winter verschoben.

Freyer kennt seine Touristen. „Am Samstag wollten alle wissen, ob man vom Landesteg aus das Feuerwerk vom Konstanzer Seenachtsfest sehen könnte, wie man nach Konstanz kommt, wann das letzte Schiff geht und ob es noch Karten gibt. Aber die waren natürlich schon lange ausgebucht.“ Freyer bemüht sich, immer ruhig und sachlich zu bleiben, mit Engelsgeduld auch beim dritten Mal auf die gleiche Frage eine höfliche Antwort zu geben. „Früher war der Kontakt mit den Menschen angenehmer. Da waren alle noch freundlicher. Heute grüßen nur noch die, die vor 9 Uhr unterwegs sind. Später schauen sie nur noch in ihr Smartphone oder stur geradeaus. Die Leute sind heute kritischer als früher. Die Menschlichkeit nimmt ab“, sagt er.

Und noch etwas will er loswerden: „Es wird immer mehr Müll produziert, vor allem Plastikbecher vom Eis und Pappbecher vom Coffee-to-go. Vier blaue Säcke habe ich am Samstag gefüllt, vier blaue Säcke am Sonntag. Das Altglas hole ich extra raus, das muss man doch wieder verwerten. Das geht doch so nicht.“ Der Schiffsanbinder wünscht sich, dass die Leute umweltbewusster denken würden. „Das weiß man doch inzwischen, dass der Plastikmüll im See und über den Rhein in der Nordsee landet.“

Freyer kennt auch die Lieblingsziele der Touristen: „Der größte Teil fährt mit dem Schiff erst mal auf die Mainau, dann zum Sealife nach Konstanz und danach Richtung Lindau, Bregenz oder ins Zeppelin-Museum nach Friedrichshafen.“ Geduldig hat ein kleiner Fahrgast gewartet bis der große Schiffsanbinder ein Ohr für ihn hat. Freyer geht in die Knie, um sich begeistert vom Besuch auf der Meersburg erzählen zu lassen. Gleich daneben steht ein Schulkind und berichtet: „Ich habe gerade ein Referat über Müllverwertung in der Schule gehalten.“ Da wächst Hoffnung, dass es wieder besser werden könnte auf dieser Welt.

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