Airbus will sich von Teilen der Rüstung trennen

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Bei Airbus Defence & Space in Immenstaad könnte es ein heißer Sommer werden.
Bei Airbus Defence & Space in Immenstaad könnte es ein heißer Sommer werden. (Foto: lix)
Schwäbische Zeitung
Anton Fuchsloch
Redakteur

Airbus Defence & Space will sich von Unternehmensteilen der ehemaligen Rüstungssparte Cassidian trennen. Betroffen davon ist neben Ulm auch der Standort Immenstaad.

Es sei geplant, die Bereiche Grenzssicherungsanlagen (Border Secutity) und Rüstungselektronik (unter anderem Avionik udn Radar) auszugliedern und eventuell später auch zu verkaufen, bestätigte ein Airbus-Sprecher gestern auf Anfrage. Betroffen wären in Immenstaad bis zu 550 Mitarbeiter.

Den Stein ins Rollen brachte ein Brief des Airbus Betriebsrats Ulm, den die ARD am Vorabend der heutigen Airbus-Bilanzpressekonferenz auszugsweise verbreitete. Darin heißt es, dass etwa 80 Prozent von Ulm, etwa 50 Prozent von Friedrichshafen (Immenstaad) und Teile von Unterschleißheim in den so genannten Carve-Out (Ausgliederung, Abspaltung, Verkauf) gehen würden. „Gewachsene und funktionsfähige Strukturen“ seien in Gefahr, heißt es in dem Schreiben.

Pläne seit September bekannt

Christian Birkhofer, Betriebsratsvorsitzender der ehemaligen Rüstungssparte Cassidian bei Airbus Defence & Space in Immenstaad, bestätigt die Befürchtungen seiner Ulmer Kollegen. Dass es im Zuge der Umstrukturierung und Zusammenlegung der ehemaligen EADS-Sparten Raumfahrt (Astrium) und Rüstung (Cassidian) nicht nur zu Stellenabbau, sondern auch zum Verkauf einzelner Geschäftsbereiche kommen könne, wissen wir seit September 2014. Offenbar seien die Pläne jetzt dahingehend präzisiert worden, dass die Bereiche Grenzüberwachung und Avionik ins Visier kommen. In Immenstaad seien das, bezogen auf die alte Rüstungssparte, 40 bis 45 Prozent, das heißt 550 bis 550 Mitarbeiter. Der Raumfahrtbereich (ehemals Astrium) sei davon nicht betroffen. „Wir haben keine weitergehenden Informationen“, sagte Birkhofer. Das Ziel der Unternehmensführung sei aber klar, für die genannten Bereiche eine „neue wirtschaftliche Basis außerhalb von Airbus“ zu suchen. Ein Verkauf an ausländische Investoren sei nicht ausgeschlossen. Bei der Betriebsversammlung am 11 Januar 2015 sei das Thema bereits angesprochen worden, sagte der Betriebsratschef. „Jetzt werden wir die IG Metall einbinden.“

Deren neue politische Sekretärin Helene Sommer wird deutlicher: „Das alles ist höchst unerfreulich und eine ganz, ganz schwierige Art, mit den Beschäftigten umzugehen. Hier geht die Angst um.“ Statt klare Ansagen zu machen, lasse man die Leute im Ungewissen und verbreite nur wage Informationen. Sommer fordert die Unternehmensleitung auf, ihre Verantwortung gegenüber den Beschäftigten wahr zu nehmen und sich an das Mitbestimmungsverfahren zu halten. „Ohne Verhandlungen mit dem Betriebsrat kann es keine Betriebsveränderung geben“, sagte die IG Metall-Sekretärin.

Unabhängig von der drohenden Ausgliederung läuft der Stellenabbau wie geplant. Im Zuge der Auflösung des EADS-Konzerns und der Integration der Raumfahrt- und Rüstungssparten in den Airbus-Konzern sollen von den ursprünglich 2550 Stellen am Standort 332 wegfallen, darunter 190 im Rüstungsbereich. Dieser Prozess ist im Gange und soll bis Ende 2016 abgeschlossen sein. Deutschlandweit sind von der Umstrukturierung mehrere Tausend Arbeitsplätze betroffen.

Flaute beim Rüstungsgeschäft

Ob Airbus-Chef Tom Enders bei der heutigen Bilanzpressekonferenz in München auf die Befürchtungen der Beschäftigten eingehen wird, ist nicht zu erwarten. Im Großen und Ganzen läuft es beim Luft- und Raumfahrtkonzern ja gut. Die zivilen Airbus-Flugzeuge verkaufen sich, die Raumfahrt floriert.

Dass die Rüstungssparte schwächelt, ist kein Geheimnis. Angefangen vom Transporter A400M über den Eurofighter bis hin zu Bestechungsvorwürfen im Zuge des Verkaufs von Grenzsicherungsanlagen ist dieser Bereich ins Gerede gekommen. Die schrumpfenden Verteidigungsetats in Europa taten ein Übriges. Enders will das Rüstungsgeschäft bei Airbus effizienter machen, internationaler aufstellen und auf Kernkompetenzen konzentrieren, um so der Konkurrenz die Stirn zu bieten.

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