Zwischen Gott und Wissenschaft

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 Das Ensemble holt sich den verdienten Applaus ab.
Das Ensemble holt sich den verdienten Applaus ab. (Foto: Hermann Marte)
Hermann Marte

Am Mittwochabend ist im Bahnhof Fischbach der Theaterzirkus Dresden zu Gast gewesen. Mit „Faust ohne Worte“ brachte der Zirkus jenes gefeierte Stück auf die Bühne, mit dem vor über zehn Jahren seine Aufführungsgeschichte begann.

Dass Goethes Faust in Deutschland zu den bekanntesten Theaterstücken überhaupt gehört steht außer Zweifel. Dabei ist die Figur des Doktor Faustus seit 500 Jahren weit über Deutschland hinaus einer der verbreitetsten Stoffe der europäischen Literatur. Als der echte Johann Georg Faust im Jahre 1540 bei alchimistischen Experimenten spektakulär in die Luft flog, kam es schnell zur Legendenbildung um einen Pakt mit dem Teufel, der sich Faustens Seele holte. Puppenspiele auf Jahrmärkten, Gaukler und Pantomimen hatten die Geschichte in unzähligen Variationen im Repertoire. Somit ist die Inszenierung des Theaterzirkusses Dresden in gewisser Hinsicht eine Rückkehr zu den Wurzeln, die unter dem Ruhm von Goethes Stück in Deutschland weitgehend vergessen wurden.

Nichtsdestotrotz ging man aber auch beim Faust ohne Worte wieder von der Grundlage Goethes aus. Für Tom Quaas, den Gründer und Direktor des Theaterzirkuses Dresden, erzählt der Fauststoff „wie kaum ein anderer vom menschlichen Zwiespalt zwischen dem Glauben an Gott und dem Glauben an die Wissenschaft“.

Quaas hatte den Theaterzirkus im Jahre 2009 gegründet, nachdem er in Paris zwei Jahre lang am Centre National des Arts du Cirque, der einzigen öffentlichen Zirkus-Hochschule Europas, gelernt hatte. Faust ohne Worte was das erste Stück, das er mit dort inszenierte. Er ist nicht der einzige besonders namhafte Teil des Ensembles. Wolfram von Bodecker, der den Faust, und Alexander Neander, der den Mephisto spielt, waren beide Schüler von Marcel Marceau. Die anderen Darsteller standen diesen in ihrem Können freilich um nichts nach.

Wie man es bei einem Stück, das vom Ensemble als „Pantomime, Clownerie, Tanz und Gesang“ bezeichnet wird, erwarten kann, wurde nicht nur in der Spielweise, sondern auch bei den Kostümen nicht dezent, sondern sehr kraftvoll aufgetragen. Einerseits gab es viele fahle, farblose Gewänder, die von ebensolchen Rollen getragen wurden und Tristesse und Niedergeschlagenheit auf die Bühne brachten. Auf der anderen Seite standen Rollen mit besonders typischen Kostümen in deutlichen Farben, die auch in ihrem Spiel lebhafter waren. Besonders die Haare wurden stark für die Rollenkennzeichnung eingesetzt, lang und Struwwelpeter-artig aufgerichtet, helmartig glatt an den Kopf gegelt oder lässig in die Stirn fallend.

Es war ein Abend der großen Darstellung. Zwar sind große, besonders klare Gesten für Pantomime und besonders Clownerie ohnehin typisch, aber auch dort kann man dezent agieren. Das war in diesem Fall aber nicht die Sache des Ensembles. Ohne Zurückhaltung wurde mit aller Macht und Größe dargestellt, wie es um Gott, Teufel, Faust und Gretchen bestellt ist. Auch wenn keine Worte zum Einsatz kamen, wurden die Stimmen sehr wohl benutzt. Und auch hier galt, wenn man sie einsetzt, dann laut. Live-Musik vom Bühnenrand, mit ebensolcher Klarheit und Kraft gespielt wie das Bühnengeschehen, unterstützte das Schauspiel dabei nicht nur, sondern brachte es erst richtig zur Geltung.

Man sollte Goethes Faust schon kennen, wenn man den Inhalt der Szenen verstehen möchte. Andererseits entfernte sich der Ablauf auch immer wieder sehr weit von der Vorlage.

Die Gäste des Abends waren von der Aufführung sehr angetan und dankten es dem Theaterzirkus mit jubelndem, lang anhaltendem Applaus.

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