„Jeder Tag ist ein Geschenk. Er ist nur scheiße verpackt“: Gisbert zu Knyphausen spielt im Großen Zelt.
„Jeder Tag ist ein Geschenk. Er ist nur scheiße verpackt“: Gisbert zu Knyphausen spielt im Großen Zelt. (Foto: harald ruppert)

„Es dauert lang, bis man lernt, ein Niemand zu sein“ singt Gisbert zu Knyphausen. Dichter Bühnennebel umgibt ihn, als ob er darin verschwinden wollte. Trotzdem ist sein Lied tröstlich. Eine verhangene Posaune klingt, als würde sie auf dem Grund des Meeres gespielt und auch der Rest der Band beschwört ozeanische Weiten, in denen das Ich keine Rolle mehr spielt.

Willkommen zurück in der Welt eines Musikers, der sich eine lange Pause gönnte. Wirklich geändert hat sich darin nicht viel. Nur, dass seine neuen Lieder noch stiller sind als seine alten - mit der Konsequenz, dass das Wüten der ganzen Welt noch urplötzlicher und vehementer aus ihnen hervorbricht. Der E-Gitarren-Klang von hundert Tonnen Eisen begräbt mit der Macht der Tatsachen die Beschaulichkeit unter sich. Und doch findet sich da immer wieder eine Dankbarkeit, in die sich sogar Humor mischt: „Jeder Tag ist ein Geschenk. Er ist nur scheiße verpackt.“

Gisbert zu Knyphausen ist in Widersprüchen und gemischten Gefühlen zu Hause. Ohne Zynismus hält er sie aus und mit ihm 400 Konzertbesucher im Großen Zelt. Gisbert dringt tief ins reale Erleben ein, weil seine Lieder geschlossene Idyllen so wenig kennen wie die lichtlose Schwärze. In vier Minuten Musik kann beides stecken; ebenso das Resümee der grauen Mitte: „Dieser Tag war wieder mal bloß eine Lücke in der Zeit“, singt Gisbert. Und wenn unter diesem Gesang die Band freudig losprescht, ist das ein Zeichen, dass auch dieser Text nur die Hälfte der Wahrheit enthält.

Auch Gisbert zu Knyphausen sehnt sich nach heiler Welt und bekennt sich dazu: „Ich bin ein Freund von Klischees und von funkelnden Sternen. Und ich hab dich sehr, sehr gern“, singt er in einem Lied von seinem Erfolgsalbum „Hurra hurra so nicht“, mit dem er damals das große Kulturuferzelt restlos füllte. Damals aber hat er keine so süffigen Melodien geschrieben wie heute. „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, singt er mit reichlich Willen zur guten Laune, und die Band spielt dazu zum Tanz auf, als hieße sie Element Of Crime und sei in einer ihrer seltenen aufgekratzten Laune.

Es gibt aber auch einen Tiefpunkt der Melancholie. Gisbert spricht darin den Weltschmerz mit klagender Stimme allzu offen aus, wie ein Leonard Cohen, dem die lyrischen Metaphern ausgegangen sind: „Und wir gehen in die Kinos, die Kneipen. Und wir tanzen und wir hoffen, dass noch so viel passiert. Doch wir fühlen uns trostlos, gelangweilt und so verprellt von der Liebe und den tanzenden Menschen.“ Das erinnert an französische Autorenfilme, in denen Menschen, denen es an Problemen fehlt, die Leere ihres Daseins beklagen.

Nein, diese Entschiedenheit im Eindimensionalen wirkt bei Gisbert zu Knyphausen wie eine Pose. Er ist bei sich, wo die Dinge sich vermischen. Wo er ganz heiter das Lied „Unter dem hellblauen Himmel“ singt. Es beginnt hoffnungsfroh mit einem Paar, das Händchen hält und es endet, nicht weniger hoffnungsfroh, mit einem Sterbenden, der auf die erlösenden Worte wartet: „Es ist Zeit. Du darfst gehen. Du bist frei.“ Wieder wabert Nebel zu Knyphausen, als wolle er darin verschwinden.

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