Zu Besuch in einem der besten Barber-Shops Deutschlands

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Schwäbische Zeitung

Für Männer, die männliche Klischees erfüllen, sind beim Besuch eines Friseurs drei Dinge wichtig: Die Haare müssen hinterher kurz und pflegeleicht sein, schnell muss es gehen und kosten soll’s wenig. Die Bartpflege übernimmt der Klischeemann selbst oder verzichtet ganz darauf –weshalb er um den Barber-Shop von Ulis Greco sicher einen Bogen machen wird, obwohl er laut einer Umfrage des Männermagazins Playboy zu den 100 besten in Deutschland zählt. „Men’s need“ ist ein Ort für Männer, aber kein Ort für männliche Klischees. Ein Ort, an dem nicht nur die Uhren irgendwie anders ticken, sondern auch der Betreiber. Ein Ort, der wie aus der Zeit gefallen scheint.

Dass beim Betreten dieses Ortes sofort die große alte Bahnhofsuhr mit ihren römischen Ziffern ins Auge springt, ist kein Zufall. „Meine Philosophie ist Zeit“, sagt Ulis Greco. In erster Linie meint er damit zwar, dass er sich viel Zeit für seine Kunden nimmt. Wer sich auf die spezielle Atmosphäre an diesem Ort einlässt, der spürt aber sofort, dass da mehr dahinter steckt.

„Ich liebe Menschen“, sagt Ulis Greco,...
„Ich liebe Menschen“, sagt Ulis Greco,... (Foto: Jens Lindenmüller)

Der Waschtisch mit Spiegelschrank von 1890, der Barber-Stuhl von 1957, der alte Holzschrank mit Pomaden und Frisiercremes innen drin und Whiskeyflaschen oben drauf, die alten Stiche an der Wand aus einer aufgelösten Barber-Sammlung, die Swing-Musik aus den Lautsprecherboxen – Ulis Greco führt seine Kunden, die er viel lieber „Gast“ nennt, in eine Zeit, „in der man das Leben noch gelebt hat“, wie es Greco formuliert. Eine Zeit, in der der Wohlstand zwar deutlich weniger ausgeprägt war als heute, die Menschen aber noch nicht so getrieben waren von allerlei Zwängen in einer sich immer schneller drehenden Welt. Eine Zeit, in der nicht nur gegenseitige Wertschätzung einen anderen Stellenwert hatte als heute, sondern auch die Wertschätzung gegenüber sich selbst. „Ich glaube, das war die schönste Zeit seit Menschengedenken“, sagt er über die späten 50er- und 60er-Jahre. Diese Zeit kann er zwar nicht zurückholen – aber mit seinen Gästen ein Stück weit leben.

Was mitnichten heißen soll, dass der 52-Jährige nur in der Vergangenheit lebt. „Jede Zeit hat schöne und schlechte Seiten“, sagt er. Auch das Hier und Jetzt. Termine vereinbart Ulis Greco mit seinen Gästen am liebsten per Smartphone über die Kommunikationsplattform „WhatsApp“. Dem Faible für vergangene Zeiten bleibt er aber auch dort treu. Sein hinterlegter Status zitiert einen Entertainer, der wie kein anderer für diese Zeiten steht: „I do it my way“. Seinen Weg als Barber und Herrenfriseur will Ulis Greco so gehen, wie es Barber und Herrenfriseure in jenen vergangenen Zeiten taten, als sie auch in Deutschland noch einen Stellenwert hatten – bevor sie hierzulande verschwunden sind und als Ausbildungsberuf zum Anhängsel der Damenfriseure wurden.


...und: „Mein Philosophie ist Zeit.“
...und: „Mein Philosophie ist Zeit.“ (Foto: Jens Lindenmüller)

Gepflegte, ästhetische und individuelle Haarschnitte und Bärte, das hat für Greco auch was mit Lebensqualität zu tun. Und so sieht er sich auch nicht nur als Handwerker und Dienstleister, sondern ein wenig auch als Künstler: „Ich hatte schon immer eine Affinität für Farben, Formen und Ästhetik. Wenn ich einem Gast die Haare oder den Bart schneide, ist das für mich so, als würde ich ein Bild malen.“ Das braucht Zeit. Die Premium-Bartpflege dauert eine Stunde, ein Haarschnitt eine gute Dreiviertelstunde. Viel Zeit für intensive Gespräche mit seinen Gästen – was für Ulis Greco ein sehr wichtiger Bestandteil des Gesamtpakets ist. Denn, so sagt er: „Ich liebe Menschen.“ Außerdem ist sein Anspruch, jeden Gast mit einem individuell passenden Bart und/oder Haarschnitt zu verabschieden. Dafür müsse er den ganzen Mensch betrachten.

Seine Gäste schätzen diese Herangehensweise. Stefan Ruth zum Beispiel kommt regelmäßig von Lindau nach Friedrichshafen, um sich von ihm die Haare in Form bringen zu lassen. „Ulis sieht tatsächlich nicht nur den Bart, sondern den ganzen Mensch“, bestätigt er. Und das spiegle sich dann im Ergebnis auch wider. Paul Cannata hebt hervor, dass der Besuch bei Ulis Greco für ihn nicht nur ein Besuch beim Barber sei. „Für mich ist das wie eine Auszeit. Wir haben Spaß, tolle Gespräche, und die gegenseitige Wertschätzung ist immer spürbar“, sagt er.

Der gepflegte Mann geht zum Barbier
Mann trägt wieder Bart: Vom legeren Dreitagebart bis zum kunstvoll gezwirbelten Schnurrbart – zu Ulis Greco kommen Herren, die sich obenrum ein wenig aufhübschen lassen wollen. Der Friedrichshafener ist Barbier – also ein Friseur nur für Männer, der sich insbesondere darauf spezialisiert hat, Bärte in Form zu bringen.

Bärte waren in Deutschland lange verpönt. Vor allem die bei Fußballern in den 80er-Jahren weit verbreiteten Schnauzer wurden in Verbindung mit Vokuhila-Frisuren zum Symbol des schlechten Geschmacks. Als Thomas Gottschalk, damals noch Moderator des nationalen TV-Heiligtums „Wetten, dass...?“, sich vor rund zehn Jahren die Haare im Gesicht sprießen ließ, ging ein kollektiver Aufschrei durch die Fernsehnation. Als wenig später die Hipster in Berlin anfingen, sich lange Bärte stehen zu lassen, wurden zwar auch sie belächelt. Doch letztendlich haben sie dem Bart zu einem Comeback verholfen.

„Der Bart gehört zu einem Mann“

Einen kompletten Imagewandel hat der Bart zwar noch nicht erlebt. Die Zahl der Bartträger ist in den vergangenen Jahren aber wieder deutlich gestiegen – wenngleich sie noch lange nicht so hoch ist, dass das eingangs beschriebene Klischee gefährdet wäre. Man sagt zwar, dass ein Trend genau dann vorbei sei, wenn er die Provinz erreiche, doch Ulis Greco glaubt nicht, dass Bärte wieder komplett von der Bildfläche verschwinden werden: „Der Bart gehört einfach zu einem Mann. Die Zeiten, in denen Männer Bärte trugen, haben immer länger gedauert als die Zeiten, in denen Mann sich den Bart abrasiert hat.“ Wenn Ulis Greco ein bisschen früher geboren und schon in den 60er-Jahren ein Barber gewesen wäre – wer weiß, vielleicht hätte er auch Frank Sinatra davon überzeugen können, sich einen Bart wachsen zu lassen.

Vom Feinmechaniker zum „Hausfrauer“ zum Barber

Auch wenn er in seiner Arbeit Wert auf Präzision legt, bezeichnet sich Ulis Greco als „kreativen Chaot“. Gelernt hat er ursprünglich Feinmechaniker, später hat er unter anderem als Grafiker gearbeitet. Die Idee, einen klassischen Barber-Shop zu eröffnen, entstand Ende 2016, als er selbst sich als „Hausfrauer“ – so formuliert er es selber – um Kind, Haus und Garten kümmerte und seine Frau Jana Fuchs, die seit vielen Jahren einen Friseursalon führte, wieder schwanger wurde. Als klar war, dass künftig er die Brötchen für die Familie verdienen musste, erinnerte er sich an eine alte Idee: ein Geschäft für Männer. Daher stammt auch der heutige Name „Men’s need“. So ein bisschen war’s vielleicht auch eine Fügung des Schicksals, hatte in seiner Jugend in Meersburg doch ein örtlicher Friseur über Jahre auf seine Mutter eingeredet, dass eine Friseurlehre genau das Richtige für Ulis wäre. Mit 51 Jahren fand der das dann schließlich auch eine gute Idee, wenngleich er statt einer Lehre mehrere Haarschneide- und Barberkurse absolvierte – und schließlich den ehemaligen Wartebereich im Salon seiner Frau zum Barber-Shop umgestaltete.

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