Schwäbische Zeitung

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 schienen Depression und Krisen, die Deutschland seit 1918 schüttelten, auf einmal zu Ende. Wirtschaftlich ging es steil bergauf. Auch die Zahnradfabrik erlebte im ersten Jahrzehnt des „tausendjährigen Reichs“ eine grandiose Entwicklung. „ZF verdankte dem NS-Regime das größte Umsatzwachstum seiner Geschichte“, heißt es in der zum 100-jährigen Bestehen erschienen Chronik.

Bis im Juni 1943 die ersten Bomben auf Friedrichshafen fielen, liefen die Maschinen in Friedrichshafen auf Hochtouren. Selbst als der Betrieb nur noch mit Hilfe von Zwangsarbeitern aufrecht erhalten werden konnte und die Hallen im Stammwerk Ende 1944 in Schutt und Asche lagen, kam die Produktion nicht zum Stillstand. Menschen und Maschinen wurden kurzerhand an 14 Standorte verlagert. Die Unternehmensführung, allen voran der kaufmännische Direktor Hans Cappus, verbreitete noch Ende 1944 Optimismus. „Neue Angriffe werden uns in einigen Monaten keine nennenswerten Schäden mehr zufügen können“, schreibt er an den Aufsichtsratsvorsitzenden Hugo Eckener.

ZF steigt zu nationaler Größe auf

Keine Frage, ZF war quasi über Nacht zu nationaler Größe aufgestiegen. Ein Indiz dafür ist der Besuch des neuen Reichskanzlers Adolf Hitler auf dem Stand der Zahnradfabrik bei der Internationalen Automobil- und Motorrad-Ausstellung in Berlin im Februar 1933. Damit erhielt das Unternehmen den politischen Ritterschlag durch den Führer. Die Serienproduktion von Getrieben, die ZF schon früh verfolgte und auf die große Automobilhersteller im In- und Ausland einschwenkten, kam für die neuen Herren wie gerufen. Sie sollten aber nicht in erster Linie das Volk, sondern das Militär mobil machen. Ein neuer Krieg, auf den Hitler zielstrebig zusteuerte, war nur mit technologischem Vorsprung und einer Steigerung der Mobilität zu gewinnen. Der Aufhebung der Kraftfahrzeugsteuer und dem Bau neuer Autobahnen folgte ein gigantisches Rüstungsprogramm. Der Aufschwung stellte sich umgehend ein: Im Vergleich zum Vorjahr verdoppelte sich bei ZF 1933 die Zahl der Beschäftigten von 533 auf 1082, der Umsatz stieg von 3,2 auf 5,6 Millionen Reichsmark.

Doch das sollte erst der Anfang sein. „Je weiter die deutsche Kriegsrüstung voranschritt, desto mehr bestimmte sie die Entwicklung von ZF“, heißt es in der neuen Unternehmenschronik. Bis 1938 wuchs die Belegschaft auf fast 5000 Mitarbeiter, der Umsatz stieg um 559 Prozent. Mit Beginn des Kriegs im September 1939 konnte der Personalbedarf nicht mehr gedeckt werden. Schon ab 1940 wurden ausländische Arbeitskräfte eingestellt - zunächst auf freiwilliger Basis, ab 1941 wurde in den besetzten Gebieten zwangsrekrutiert. Bis zum Ende des Krieges waren es rund 2800 Polen, Russen, Franzosen, Holländer und andere Nationalitäten, die bei ZF Zahnräder hobelten, schliffen und Getriebe montierten.

Während der Umzug des Berliner Werks 1934 auf ein 1,1 Hektar großes Gelände im Ortsteil Wittenau noch dem allgemeinen Aufschwung geschuldet war, standen die Gründung zweier Zweigwerke in Schwäbisch Gmünd 1937/38 und der Tochtergesellschaft Waldwerke Passau 1943 ganz unter militärischen Vorzeichen. Man hatte, wie der Staatssekretär von Generalfeldmarschall Göring, Erhard Milch, bereits 1936 versicherte, der ZF noch größere Aufgaben zugedacht. Und diese wurden in Friedrichshafen bereitwillig angenommen. Die besten Köpfe legten sich ins Zeug, um zivile Getriebekonstruktionen für militärische Nutzung anzupassen und zu optimieren.

ZF geriet so, zusammen mit den Töchtern des Zeppelin-Luftschiffbau, vollständig in den Sog der Hochrüstung. Die Bilanz, die Hansjörg Dach (ehmaliger Geschäftsfüher der ZF Getriebe GmbH) 2011 in einem Beitrag zieht, spricht für sich: 92 Prozent der in deutschen Panzern verbauten Getriebe stammten von ZF. Die restlichen acht Prozent fertigte Maybach. Ohne die Maybach-Motoren und Getriebe aus Friedrichshafen wäre kein deutscher Panzer gerollt. Auch bei den Nutzfahrzeugen hatte ZF nahezu die ganze Getriebefertigung an sich gezogen, wie Albert Maier (Konstrukteur und Technischer Leiter der ZF) schon 1944 schrieb. Neue Bootswendegetriebe, die ZF aufgrund der Erfahrung mit Luftschiffgetrieben entwickelte, fanden nicht nur bei der deutschen Kriegsmarine Anklang, sie wurden bis nach Japan geliefert. Auch die Lenkungen der schweren Militärfahrzeuge stammten meist von ZF.

Das Diktat der Typen-Vereinheitlichung, das die Nationalsozialisten mit dem so genannten Schell-Plan – Adolf von Schell war Generalbevollmächtigter für das Kraftfahrzeugwesen – 1939 der deutschen Automobilindustrie verordnete, kam dem Friedrichshafener Antriebsspezialisten entgegen. Die ZF setzte bereits in den 20er-Jahren auf Einheitsgetriebe, hatte ausgezeichnete Referenzen und konnte die geforderten Stückzahlen für bedeutende Hersteller wie Mercedes liefern. Die Zahnradfabrik stieg zum „Kriegs-Musterbetrieb“ auf, ihre führenden Köpfe wurden Wehrwirtschaftsführer.

Alle Räder stehen still

Am Ende machte der Krieg aus dem Musterbetrieb eine Ruinenlandschaft. Die hektisch in Gang gesetzte Verlagerung der Fertigung nach den Luftangriffen im Frühjahr und Sommer 1944 blieb Stückwerk und forderte weitere Opfer. Beim Ausbau des Goldbacher Stollens in Überlingen starben mindestens 219 KZ-Häftlinge. Die Anlage wurde nie fertig. Höhlen in Hohenems und Dornbirn wurden für ZF erschlossen, Ausweichstandorte in ganz Oberschwaben bis nach Ulm vorbereitet. Während Passau und Schwäbisch Gmünd vor Zerstörungen weitgehend verschont blieben, wurde das Berliner Werk im Frühjahr 1945 schwer beschädigt.

Die inzwischen nach Langenargen ins Schloss verlegte Direktion verlor zusehends den Überblick.

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