Wie Kriegsverbrechen durch forensische Architektur rekonstruiert werden

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Eyal Weizman (Zweiter von rechts) stellt sich in der Podiumsdiskussion den Fragen.
Eyal Weizman (Zweiter von rechts) stellt sich in der Podiumsdiskussion den Fragen. (Foto: mt)

Anlässlich der Fachtagung „Schöne neue Welten - Virtuelle Realitäten als gesellschaftliches Phänomen in Museen, Wissenschaft und Gaming“ im Zeppelin Museum und an der Zeppelin-Universität hat Eyal Weizman, der Direktor und Gründer des interdisziplinären Forscherteams, im Fallenbrunnen einen Besuch abgestattet, um Dozenten und Studenten einen Einblick in die Anwendungsbereiche der architektonischen Forensik zu geben.

Im Podiumsgespräch, das von der wissenschaftlichen Leiterin des Artprogrammes Karen van der Berg geleitet wurde, arbeiten Verona Konrad, Direktorin des Vorarlberger Architektur Instituts, Marius Specht von der Hochschule „Club of International Politics“ zusammen mit Eyal Weizman die von ihm dargestellten Themen noch einmal auf.

Von ihm konnten die Teilnehmer erfahren, wie die Forensic Architecture entstand und wie sie arbeitet. So ist das Kollektiv bekannt geworden durch Arbeiten, in denen sie auf der Basis öffentlich zugänglicher Daten und selbst ermittelte Informationen Tathergänge von Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen rekonstruieren. Auf überzeugende, präzise und allgemein zugänglicher Weise erstellen sie so Gegendarstellungen zu offiziellen Medienberichten. Forensic Architecture nutzt dazu gängige Simulationsmethoden wie sie bei archetektonischen Planungsprozessen eingesetzt werden und kombiniert die mit bildgebenden Verfahren, Soundanalysen, Archivmaterial und Zeugenaussagen. So werden abgerissene oder zerstörte Gebäude oder Gefängnisse nachgebildet und widersprüchliche Zeugenaussagen verifiziert. So würde das interdisziplinäre Kollektiv virtuelle Architekturen erstellen und sich in seinen Arbeitsmethoden zwischen künstlerische Forschung, Aktivismus und politischen Journalismus bewegen, erklärte Weizman.

Nicht als Zeuge geladen

Unter anderem anhand des Beispiels „Memory“ erklärte er exemplarisch die Vorgehensweise bei der Rekonstruktion. So sei am Beispiel „Memory“ der Hergang eines US-Drohnenangriffs im Oktober 2010 in Mir Ali in Pakistan rekonstruiert worden. Hierbei sei auf der Basis der Zeugenaussage einer jungen Deutschen, die in dem zerstörten Gebäudekomplex gelebt hatte, gezeigt, dass bei dem Angriff, bei dem angeblich nicht Al-Qaida Angehörige ums Leben gekommen seien, auch der Tod von Kindern und Zivilisten in Kauf genommen worden sei.

Wie nah das Kollektiv aber auch bei der Rekonstruktion an die Deutschland verübte Verbrechen ist, stellte Weizman an dem NSU-Mord an Halit Yozgat 2006 in Kassel dar. Demnach hätte der bei dem Mord im Internet-Café der anwesende Verfassungsschützer Andreas Temme, nach ihrer Rekonstruktion mit ihren Methoden die Schüsse hätte mitbekommen müssen, was er allerdings bestritt. Allerdings wurde Weizman im April 2017 aus formalen Gründen zu dem Prozess als Zeuge nicht gehört. Als Fazit der Dokumentation stand, dass sich Forensic Architecture an Methoden bedient, die die beispielsweise Justizorgane und Strafverfolgungsbehörden noch gar nicht in dieser Form entdeckt haben.

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