Wie hätte ich mich im Dritten Reich verhalten?

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Lebhaft stellt Autor Peter Prange seine Historiensaga vor.
Lebhaft stellt Autor Peter Prange seine Historiensaga vor. (Foto: hv)
Helmut Voith

Die Lesung des Erfolgsautors Peter Prange im Kiesel aus seinem Historienroman „Eine Familie in Deutschland“ hat doch unter dem ungewöhnlichen Termin am Freitagabend etwas gelitten. Aber ein international erfolgreicher Autor ist eben nicht so leicht zu einem Wunschtermin zu bekommen. Peter Prange, promovierter Literaturwissenschaftler, hat erst mit über 40 Jahren als Autor begonnen und seither, wie Franz Hoben bei der Einführung sagte, über drei Millionen Bücher verkauft.

Der Abend war anders als üblich. Peter Prange las einige Stellen aus dem zweibändigen, über 1500-seitigen Roman schnell und immer gut verständlich vom Lesepult aus. Sein Tisch blieb unbenutzt, dafür erzählte er, frei im Raum stehend wie ein Dozent, der genau weiß, wie er seine Zuhörer anpacken muss. Sein Roman „Das Bernstein-Amulett“ wurde mit großem Erfolg verfilmt. „Die wunderbaren Jahre“ sind als Dreiteiler gerade in Produktion. „Eine Familie in Deutschland“, sein jüngstes Werk, behandelt in kurzen Schnitten das Leben einer Familie im Dritten Reich und dürfte ebenfalls einer Verfilmung sehr entgegenkommen.

Eigentlich möchte man annehmen, dass Prange nicht Sprachwissenschaftler, sondern Historiker oder Soziologe sei. Er recherchiert sehr intensiv. Auch wenn seine Personen fiktiv sind, hat er Passagen, die, aus der Realität genommen, auch wegen der stimmigen Details lebensnah werden. Es geht um die Entstehung der „Stadt des KdF-Wagens“, der heutigen Autostadt Wolfsburg, in einer ursprünglich rein landwirtschaftlich genutzten Gegend. Es geht um Menschen, die zum Zeitpunkt der sogenannten Machtergreifung mit den Gedanken des Nationalsozialismus absolut nichts am Hut hatten, die aber ihre eigenen Interessen gefördert sahen. Arbeit statt Arbeitslosigkeit, das ließ die Masse zustimmen.

Am Beispiel der berühmten Filmemacherin Leni Riefenstahl stellt Prange dar, wie sie glaubte, allein ihres Könnens wegen von den Nazis gefördert zu werden. Erst nach dem Überfall auf Polen wusste sie, dass die Nazis sie nur gebraucht hatten. Er zeigte, wie die ganze damalige Welt auf ihren inszenierten zweiteiligen Propagandafilm „Olympia“ hereingefallen war.

Sehr plastisch kommt auch die Rede Hitlers anlässlich der Eröffnung einer Automobilausstellung herüber.

Prange vermittelt im Roman, wie Menschen im Alltag in kleinen Schritten Veränderungen erleben, wie verführbar die meisten sind. Hinter allem steht die Frage, wie eine Kulturnation wie Deutschland in die bekannte Barbarei verfallen konnte. Immer wieder stellte Prange die Frage: „Wie hätte ich mich damals verhalten?“

Im Mittelpunkt des Romans steht der jüdische Autoingenieur Georg, der den Prototypen des Volkswangens entwickelt hatte und wenig später noch rechtzeitig emigrierte. Alles ist eingebettet in die Geschichte der fiktiven Familie Ising, die seit Generationen im Wolfsburger Land lebt. Solche Familiensagas ziehen, und wenn sie noch so umfangreich sein mögen.

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