Wie Friedrichshafen zur Wiege der Luftschifffahrt wurde

 Luftschiff-Namensgeber: Ferdinand Graf von Zeppelin.
Luftschiff-Namensgeber: Ferdinand Graf von Zeppelin. (Foto: LZ-Archiv)
Anton Fuchsloch
Redakteur

Friedrich von Württemberg hat im Jahr 1811 die alte Reichsstadt Buchhorn mit Kloster Hofen zusammengelegt und die neue Stadt von Königs Gnaden Friedrichshafen getauft. Er ließ das ehemalige Kloster zum Schloss umbauen und machte es zu seiner Sommerresidenz. Gekrönte Häupter aus ganz Europa gaben sich am Bodensee ein Stelldichein. Friedrichshafen wurde mondän. Kaum 100 Jahre später machte Ferdinand Graf von Zeppelin – wiederum mit tatkräftiger Hilfe des Hauses Württemberg – Friedrichshafen zur Wiege der Luftschifffahrt. Am 2. Juli 1900 stieg sein erstes Luftschiff in Manzell auf. Nur 20 Minuten dauerte die Fahrt, aber sie veränderte alles. Innerhalb weniger Jahre entstand am Bodensee eine Industrie, die Friedrichshafen bis heute prägt.

Friedrichs vierter und letzter Nachfolger auf dem Königsthron, Wilhelm II., stellte dem Luftschiffpionier den südlichen Teil der Domäne Manzell zur Verfügung. Sein Luftschiff sollte auf dem Wasser starten und landen können. Das Seegrundstück war für den Grafen ein „Geschenk des Himmels“. Auf standesgemäße Unterstützung und glückliche Fügungen sollte Graf Zeppelin in den folgenden Jahren noch häufig angewiesen sein.

Begeisterter Ballonfahrer

Geboren am 8. Juli 1838 in Konstanz erlernte Graf Zeppelin ab 1855 in Ludwigsburg das Kriegshandwerk. Ein Studium an der Uni Tübingen konnte er nicht abschließen, weil er in die Kaserne zurückbeordert wurde. Der junge Leutnant wurde 1859 Mitglied des Ingenieurcorps der Württembergischen Armee.

ARCHIV - 27.10.2015, Baden-Württemberg, Friedrichshafen: Die mannshohe Statue, die Ferdinand Graf von Zeppelin zeigt, wird von e
Diese Statue Graf Zeppelins steht in Friedrichshafen am Ufer des Bodensees. (Foto: Felix Kästle/dpa)

Bei einer Exkursion nach Amerika machte er 1863 erstmals eine Ballonfahrt. Dieses Fluggerät zur Beobachtung feindlicher Bewegungen ließ ihn nicht mehr los. Wie die Idee, ein lenkbares Luftschiff zu bauen, in ihm reifte, zeigt eine Notiz im Tagebuch vom März 1874. Darin beschreibt er ziemlich realistisch die Dimensionen eines solchen Fahrzeugs.

Vater, du hast doch früher von einem Luftschiff gesprochen, bau doch ein Luftschiff!

Tochter Helene zu Ferdinand Graf von Zeppelin

1890 nahm der Graf Abschied vom aktiven Militärdienst. Mit 52 Jahren in den Ruhestand geschickt, fiel der ebenso umtriebige wie ehrgeizige Adelige offenbar in eine Depression. „Ich war so mit Leib und Seele Soldat, dass ich nichts mit mir anzufangen wusste“, zitiert ihn der spätere Mitarbeiter Zeppelins und erste Generaldirektor des Zeppelin-Konzerns, Alfred Colsman, in seinem Buch „Luftschiff voraus“.

Seine 1879 geborene Tochter Helene soll dem Pensionisten den Tipp gegeben haben: „Vater, du hast doch früher von einem Luftschiff gesprochen, bau doch ein Luftschiff!“ Das habe er als einen Wink vom Himmel aufgefasst und so sei er zu dieser Sache gekommen, die ihm eigentlich nicht liege.

Erfolge und Rückschläge

Von der Idee der Eroberung des Luftmeeres beflügelt und bestärkt durch Versuche anderer Luftfahrtpioniere, entfaltete Zeppelin seine Qualitäten als Ideengeber, Netzwerker und Unternehmer.

Archiv-Video

Er bediente sich der besten Ingenieure und Konstrukteure (Kober, Dürr, Dornier), beschaffte die innovativsten Materialien (Aluminium) und Motoren (Daimler, Maybach), warb um Unterstützung bei Militär, Adel und Industrie und setzte sein Familienvermögen ein.

Als nach ebenso vielen Rückschlägen wie Erfolgen mit den ersten drei Luftschiffen das vierte am 4. August 1908 mit einer 24-Stunden-Fahrt den Beweis für die militärische Tauglichkeit des Zeppelin’schen Systems liefern sollte, strandete es tagsdrauf in Echterdingen und brannte vollständig aus.

Sein Werk lag in Schutt und Asche, doch seine Idee hatte längst die Massen ergriffen. Aus dem kollektiven Mitleid mit dem Grafen erwuchs eine Hilfsbereitschaft, die ihresgleichen sucht. In Kürze kamen mehr als sechs Millionen Mark an Spenden zusammen.

Ein Kapital, das Zeppelin nicht nur den Bau eines neuen Luftschiffes ermöglichte, sondern die Grundlage für den Aufbau des Zeppelin-Konzerns unter dem Dach der neu gegründeten Zeppelin-Stiftung bildete.

360°-Panorama: Der Zeppelin NT von innen

Als Architekt des Unternehmens gewann der Graf Alfred Colsman. Ein Glücksgriff, wie sich herausstellen sollte, denn Colsman schaffte unternehmerische Strukturen, die eine Entwicklung des Konzerns ermöglichten und sich in Krisenzeiten bewährten.

Eine wesentliche Komponente, die den Erfolg des Zeppelin’schen Unternehmens beförderte, war dessen Popularität. Dafür sorgte der Graf höchstpersönlich, indem er Kontakt zu Journalisten und Verlegern pflegte. Schon beim Erstaufstieg von LZ 1 war mit Eugen Wolf ein renommierter Berichterstatter an Bord. Jede Fahrt wurde zu einem nationalen Medienereignis. 1908 stieß der Journalist Hugo Eckener zur Führungsmannschaft.

Im Gegensatz zu Graf Zeppelin, der zwar seit 1907 Ehrenbürger von Friedrichshafen war, aber in der Stadt nie heimisch wurde, zog Eckener in ein eigenes Haus direkt am See. Er berichtete für die „Frankfurter Zeitung“ über die Fahrten der Luftschiffe – anfangs eher kritisch

. Dann ließ er sich vom Grafen überzeugen und wurde einer der glühendsten Verfechter der Luftschifffahrt. Zunächst als Verbindungsmann zur Presse, später als Luftschiffkapitän und Nachfolger Zeppelins, konnte er 1924 mit der Atlantiküberquerung des LZ 126 an die goldenen Anfangsjahre der Luftschifffahrt anknüpfen.

Seine Idee lebt weiter

Als Graf von Zeppelin am 8. März 1917 in Berlin starb, waren die Glanzzeiten der militärischen Luftschifffahrt vorbei. Bis dahin hatte der Konzern mehr als 100 Luftschiffe gebaut. Doch die schwerfälligen und witterungsabhängigen Zeppeline waren Flugzeugen militärisch bald hoffnungslos unterlegen. Staatsaufträge blieben aus, an eine Belebung der Luftschifffahrt war nach dem verlorenen Weltkrieg erst einmal nicht zu denken.

Um die Zukunft des Zeppelin-Konzerns zu sichern, trieb Colsman dessen Diversifizierung voran. Eckener träumte jedoch von einer Weltluftschifffahrt. Er sah sich als Verfechter der Ideen des Grafen im Konzern – und setzte sich durch. Mit LZ 127 Graf Zeppelin begann 1928 die letzte Ära der Luftschifffahrt.

Die Machtübernahme der Nazis, die an transatlantischen Verbindungen wenig Interesse hatten, vor allem aber die Weiterentwicklung von Flugzeugen ließen den Stern der „Dinosaurier der Lüfte“ sinken. Ihr „Aussterben“ war mit dem Unglück von Lakehurst besiegelt. Am 6. Mai 1937 explodierte bei der Landung nahe New York der 245 Meter lange Zeppelin LZ 129 Hindenburg und riss 35 Menschen in den Tod.

Die Idee lebt weiter, und Wiederbelebungsversuche gibt es zuhauf. Ob Cargolifter, Dynalifter, Aeroscraft, Dragon Dream – sämtliche Superblimps- und Riesenluftschiffprojekte haben sich in Luft aufgelöst oder sind schon im Anfangsstadium gescheitert.

360°-Panorama: Die Hülle des Zeppelin wird aufgezogen

Allein die Zeppeline NT (Neue Technologie), die seit den 1990er-Jahren in Friedrichshafen gebaut werden, drehen in touristischer und werblicher Mission ihre Runden über dem See. Ein Geschäft ist daraus nicht geworden, aber ein bisschen Nostalgie darf in der Zeppelinstadt sein. Zumindest, solange man sich’s leisten kann.

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