Wer zahlt, damit die „Landshut“ landet?

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Das am 13. Oktober 1977 entführte Flugzeug „Landshut“ in Mogadischu (Somalia): Hier wird die Leiche des ermordeten Piloten Jürge
Das am 13. Oktober 1977 entführte Flugzeug „Landshut“ in Mogadischu (Somalia): Hier wird die Leiche des ermordeten Piloten Jürgen Schumann aus dem Flugzeug gebracht. Später befreit ein GSG9-Kommando alle übrigen Geiseln und tötet drei Geiselnehm (Foto: DPA)
Schwäbische Zeitung
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Friedrichshafen hat offenbar gute Chancen, das 1977 entführte Flugzeug „Landshut“ dauerhaft auszustellen. Das Auswärtige Amt favorisiert die Stadt nach SZ-Informationen als Standort für das Symbol des „Deutschen Herbsts“ und des Siegs über den RAF-Terror. Doch die Finanzierung ist ungewiss.

Wenn ein Investor andernorts Geld vorschießt, könnte er Friedrichshafen das künftige Mahnmal wegschnappen. Auch die Stadtpolitik scheint wenig begeistert.

Seit vergangenen Freitag ist öffentlich bekannt, dass David Dornier, jüngst zum Chef des Dornier-Museums ernannt, die Lufthansa-Maschine „Landshut“ gerne bei sich ausstellen möchte. Dazu, so Dornier im SZ-Gespräch, gebe es bereits Gespräche mit dem Auswärtigen Amt (AA) und ein ausgefeiltes Museumskonzept. Nur eines stellte Dornier klar: Finanzieren will die Familie Dornier beziehungsweise das Dornier-Museum dieses Projekt nicht.

Verrottet in Brasilien

Die Boeing 737 „Landshut“ der Lufthansa ist eines der eindrucksvollen Überbleibsel des „Deutschen Herbsts“ 1977, als Deutschland unter dem Eindruck des RAF-Terrors stand. Ihre Ausstellung als Denk- und Mahnmal würde zweifellos auf die ganze Bundesrepublik und über die Grenzen der Stadt Friedrichshafen ausstrahlen. Auf Initiative des Mainzer Zeithistorikers, Helmut-Schmidt-Biographs und Journalisten Martin Rupps, hat die Bundesregierung das Flugzeug offenbar vor Kurzem gekauft: „Bei der Befreiung der Landshut wurde die freiheitlich-demokratische Grundordnung des Staates verteidigt, der die Grundlage für den Wohlstand der damals lebenden Generation gelegt hat“, sagt er.

Bis dato rottet die „Landshut“ allerdings auf einem brasilianischen Flughafen vor sich hin, nachdem sie nach dem Terrorakt über Jahrzehnte für etliche Fluggesellschaften um die Welt geflogen war. Dem Kaufpreis von mutmaßlich 20.000 Euro stehen nun erhebliche Kosten für den Rücktransport und die Wiederherstellung der Maschine als Mahnmal entgegen. Bis zu 1,5 Millionen Euro sind dafür laut SZ-Informationen fällig. Und weil zu einem Mahnmal auch ein Museumskonzept plus Halle gehört, dürfte das Projekt nochmals mehr kosten – die Summe von vier Millionen Euro steht im Raum. Im Rahmen eines solchen Konzepts soll die Landshut laut Initiator für eine Gedenkveranstaltung samt Bundespräsident genutzt werden, dann folge ein Innenausbau als Museum.

Herzenswunsch: Friedrichshafen

SZ-Recherchen haben jetzt ergeben, dass das Projekt sehr gute Chancen hätte, in Friedrichshafen verwirklicht zu werden. „Das Auswärtige Amt hat sich im Herzen auf Friedrichshafen festgelegt. Dieser Herzenswunsch geht in Erfüllung, wenn genügend Spenden für die Zerlegung und den Transport der Maschine zusammenkommen“, sagte Martin Rupps am Freitag im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung. Das verwundert auf den ersten Blick, doch offenbar hat das Amt Gründe für diese Entscheidung: Es scheint grundsätzlich schwer, das Drama von Mogadischu überhaupt in einem Ort in Deutschland zu verorten. Gerade deshalb scheint offenbar weniger der Ort als vielmehr die Möglichkeit, das Flugzeug überhaupt vor Publikum zu zeigen, ein Auswahlkriterium des AA für den Standort zu sein. Öffentlich schweigt das Amt zu diesen Fragen, Projektinitiator Rupps findet dagegen deutliche Worte: „Das Dornier-Museum mit der ,Landshut’ hätte deutlich mehr Besucher. Friedrichshafen liegt an der offensten Grenze Deutschlands zu seinen Nachbarn. Es gibt auch keine Sprachbarriere. Die meisten Gäste und Urlauber am Bodensee gehören der Generation an, die den „Deutschen Herbst“ 1977 als Jugendlicher oder Erwachsener bewusst erlebt hat. Der Besuch der ,Landshut’ würde zu einem Besuch im eigenen Leben."

Dazu kommt: Das Dornier-Museum hat durchaus einen Bezug zum RAF-Terror. Schließlich wurde 1986 ein Anschlag von RAF-Sympathisanten auf das damalige Dornier-Werk Immenstaad begangen. Auch der einstige Chef der MTU in Friedrichshafen und München, Ernst Zimmermann, fiel einem RAF-Attentat zum Opfer.

Glaubwürdige Quellen berichten nun, es hätten bereits Gespräche zwischen Auswärtigem Amt und der Häfler Zeppelin-Stiftung stattgefunden. Es ist offensichtlich, dass es dabei auch um finanzielle Interessen geht und den Versuch, Stadt oder die zugehörige Zeppelin-Stiftung in das Projekt einzubringen. AA und Bundesregierung versuchen damit auf mehreren Wegen eine Finanzierung zu sichern, denn der Bund steckt in einem Dilemma.

Bis zum 18. Oktober, dem 40 Jahrestag der Landshut-Befreiung, soll das Flugzeug in Deutschland als Mahnmal bereitstehen. Planungen für den zugehörigen Fest- und Gedenkakt soll es schon geben. Davor müssten die Überführung, Sanierung und Wiederherstellung des Flugzeugs und ein museales Konzept dafür aus dem Boden gestampft werden. Aus vertraulichen Quellen heißt es, der enge zeitliche Spielraum lasse für die Regierung keinen Spielraum für eine öffentliche Ausschreibung des Projekts. Ob das stimmt, darf auch bezweifelt werden. Als sicher gilt dagegen: Das Auswärtige Amt will die Landshut möglichst mit privatem Geld zurückholen. So dürfte sich auch die Kooperation mit dem privat finanzierten Dornier-Museum erklären. Es müsste nun 750.000 Euro bis Oktober aufbringen oder organisieren, um Sanierung und Rückholung der Maschine zu finanzieren. Weitere 750.000 Euro sollen dagegen aus unbekannter Hand schon gesammelt worden sein. Mit diesen 1,5 Millionen Euro wäre zumindest der Zeitplan bis Oktober zu schaffen.

Doch David Dornier will das Geld nicht aus eigener Tasche zahlen. Unverhohlen hat er im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung am vergangenen Freitag klar gemacht: „Weder das Dornier-Museum noch die Dornier-Stiftung können dafür Geld ausgeben, zumal wir derzeit mit der Stadt Friedrichshafen verhandeln. Wie bekannt ist, möchten wir, dass uns die Stadt hilft. Deshalb können wir für die ,Landshut‘ kein Geld ausgeben.“ Das bedeutet wohl im Klartext: Die Stadt Friedrichshafen oder ihre millionenschwere Zeppelinstiftung sollen das Landshut-Projekt indirekt subventionieren.

„Wenig verantwortungsvoll“

Doch davon scheint man in Friedrichshafen wenig begeistert: „Hier geht es schließlich um eine unternehmerische und museale Entscheidung, auf die wir als Stadt weder einwirken können noch wollen“, so Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand. Eine Finanzierung des Projekts, so Friedrichshafens CDU-Fraktionsvorsitzender Achim Brotzer, sei außerdem „Sache des Bundes“. „Meiner persönlichen Überzeugung nach eignet sich die ,Landshut’ nicht für eine Auf- oder Ausstellung in Friedrichshafen“, ergänzt er auf SZ-Anfrage. Wenn überhaupt, müsse man sie in Berlin zeigen. „Das Thema in die Hände privater Interessenten zu geben, weil der Bund die mit einem Konzept zwangsläufig verbundenen Kosten nebst dauerndem Zuschussbedarf scheute, wäre wenig verantwortungsvoll und mehr als widersprüchlich“, sagt er. Sein Kollege, SPD-Mann Dieter Stauber, will mit der Projektfinanzierung auch nichts zu tun haben: „Die Stadt sehe ich hier jedenfalls nicht in der Pflicht. Wenn private Geldgeber auftreten, ist das natürlich eine andere Sache.“ Freie Wähler und Grüne äußern sich in Statements ähnlich.

Wenn sich der Widerstand der Stadt Friedrichshafen und die Weigerung von Museumschef Dornier, selbst Geld zuzuschießen, nun weiter halten, könnte es für das Landshut-Projekt am Bodensee allerdings so schnell ein Ende geben, wie es aufgekommen ist. Ein faszinierender Anziehungspunkt mti einer Geschichte voller Tragik und Hoffnung in der Zeppelinstadt wäre wohl in dem Moment verloren, in dem ein Investor irgendwo anders in der Bundesrepublik eine Finanzierungszusage macht: „Wenn er auch das Problem der Kosten für Zerlegung und Transport der Maschine löst, würde seine Offerte im Auswärtigen Amt ernsthaft erwogen", sagt Martin Rupps.

Mogadischu 1977

Am 13. Oktober 1977 kaperten vier palästinensische Terroristen die „Landshut“. Die Boing 737 war auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt. An Bord waren 86 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder. Die Forderung der Geiselnehmer: Unter anderem die Freilassung von elf RAF-Terroristen in Deutschland. Nach einem Irrflug landete die Maschine in Mogadischu (Somalia). Noch zuvor wurde Pilot Jürgen Schumann von den Terroristen erschossen.

Am 18. Oktober stürmten Einsatzkräfte der GSG-9 die Maschine und befreiten die Geiseln. Drei der Terroristen wurden bei der Aktion getötet. Die Entführung der „Landshut“ ist der Höhepunkt des sogenannten Deutschen Herbst im September und Oktober 1977. Unmittelbar nach der Befreiung der „Landshut“ brachten sich führende RAF-Mitglieder wie Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Andreas Baader im Gefängnis um. Einen Tag später gab die RAF die Ermordung des BDI-Vorsitzenden Hanns Martin Schleyer bekannt. Der Scheitelpunkt des RAF-Terrors war damit überwunden, der Staaat hatte sich nicht erpressen lassen. (sle)

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