Wenn es mit dem Schulabschluss nur im Knast klappt

Lesedauer: 7 Min
Eine gestellte Szene: Ins Gespräch zu kommen, Kontakte und Beziehungen aufzubauen, ist eine wichtige Aufgabe für Florian Nägeles
Eine gestellte Szene: Ins Gespräch zu kommen, Kontakte und Beziehungen aufzubauen, ist eine wichtige Aufgabe für Florian Nägeles (rechts) Arbeit als Häfler Streetworker. (Foto: Brigitte Geiselhart)
Brigitte Geiselhart

Florian Nägele ist Streetworker mit Leib und Seele. Er liebt die Herausforderungen, die ihn seit zehn Jahren auf den Straßen Friedrichshafens täglich erwarten. Die Menschen so anzunehmen, wie sie sind, das ist ein entscheidender Aspekt seiner Arbeitsphilosophie. Nägele arbeitet für den Verein Arkade, der am Samstag seinen zehnten Geburtstag in der Molke feiert.

Das Telefon klingelt. Der Anrufer berichtet von einer etwa 14 Jahre alten, vermutlich drogenabhängigen Jugendlichen, die auf der Straße „herumhängt“. Wie sich herausstellt, hat das Mädchen den Kontakt zu ihrem offenbar zerrütteten Elternhaus abgebrochen und ist mit einem etwa doppelt so alten Partner zusammen, der sie zu allem Unglück auch noch ins kriminelle Milieu abgleiten lässt. Jetzt gilt es zunächst, mit dem Mädchen ins Gespräch zu kommen, und zu versuchen, einen Zugang zu ihr zu finden.

Ein Fall von vielen, die zum ganz normalen Arbeitsalltag von Florian Nägele gehören. Er ist Mitarbeiter des gemeinnützigen Vereins Arkade, der seit zehn Jahren im Auftrag der Stadt Friedrichshafen Streetwork anbietet – auch um unkonventionelle Lösungen für den Schattenbereich der Stadt zu finden.

Seine „Klienten“ sind Menschen, die auf der Straße oder in prekären Wohnsituationen leben und nicht selten durchs soziale Raster gefallen sind. Jugendliche, junge Erwachsene, auch Altgewordene, die aus unterschiedlichsten Gründen den Boden unter den Füßen verloren haben. Alkohol und Drogen spielen meist eine zentrale Rolle.

Auch junge Leute aus der gewaltbereiten und kriminellen rechtsextremen Szene hat Florian Nägele schon über Jahre begleitet, sie sogar während ihrer Zeit in der Justizvollzugsanstalt betreut. „Ein damals 19-jähriger junger Mann hat zum Beispiel über den Sport den Weg zurückgeschafft. Heute ist aus ihm ein liebevoller Familienvater geworden“, erzählt der Streetworker.

Keine leeren Versprechungen

„Ich wollte immer schon Basisarbeit machen“, sagt Florian Nägele. Nach dem Zivildienst und einer Ausbildung zum Krankenpfleger hat der heute 45-Jährige Soziale Arbeit studiert, 2003 als Diplom-Sozialarbeiter abgeschlossen und bei der Arkade sich zunächst um die Begleitung von jungen Menschen in Gastfamilien gekümmert. Heute arbeitet er nicht nur als Streetworker, er ist auch in der Wohnungslosenhilfe im Bereich der Obdachlosenunterkunft in der Keplerstraße tätig und geht darüber hinaus einem Lehrauftrag an der Hochschule Ravensburg/Weingarten nach. „Sozialarbeit ist immer eine neue Herausforderung. Man weiß nie, was einen am nächsten Tag erwartet“, so seine Erfahrung.

Als Streetworker profitiert man von der Zusammenarbeit mit Ämtern, Beratungsstellen, der Jugendgerichtshilfe oder Ärzten – aber auch von „straßenrelevanten Netzen“, wie Florian Nägele weiter berichtet. Er weiß, wo er seine Klienten wann antrifft – an stadtbekannten Plätzen, in diversen Kneipen oder anderswo, zu Tages- oder Nachtzeiten. Ein Streetworker müsse auf Gruppen zugehen und Kontakte aufbauen. Das funktioniere aber nur mit Authentizität und einem bedingungslosen Beziehungsangebot. „Zuhören, den Gesprächspartner ernst nehmen, keine leeren Versprechungen machen. Und dem Gegenüber zu erkennen geben, dass man ihn als Mensch mag, was allerdings nicht heißt, dass ich seine Taten oder Einstellungen für gutheiße – das ist die Botschaft“, sagt Florian Nägele.

Natürlich ist der Weg eines Streetworkers nicht nur mit Erfolgsstorys gepflastert. Und doch gibt es sie: Da ist die Geschichte eines jungen Mannes, der zum wiederholten Mal straffällig geworden war und laut Urteil des Richters vor die Alternative gestellt wurde, in den Knast zu gehen oder innerhalb von zwei Tagen einen Schulplatz finden. „Er hat mich dann angerufen und mir erklärt, dass er den Schulabschluss in Freiheit nicht packen werde und er ihn deshalb lieber im Gefängnis machen wolle“, erzählt Florian Nägele. Kurz vor Antritt der Strafen haben man sich einen Burger bei McDonalds schmecken lassen – und auch zusammen geweint.

„Streetworker zu sein, ist genau das Richtige für mich. Ich habe wirklich die tollsten Kollegen, die man sich wünschen kann“, fasst Florian Nägele seine erfüllenden Aufgaben zusammen. „Die Straße ist ehrlich“, sagt er. „Man wird reduziert auf das, was zählt – auf den Menschen.“

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen