Wenn Eltern die Grundschulempfehlung ignorieren

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Seitdem die Grundschulempfehlung nicht mehr verbindlich ist, nimmt die Zahl der Sitzenbleiber zu. Vier mal mehr Schüler als zuvo
Seitdem die Grundschulempfehlung nicht mehr verbindlich ist, nimmt die Zahl der Sitzenbleiber zu. Vier mal mehr Schüler als zuvo (Foto: Montage: shy)
Schwäbische Zeitung
Videoredakteur

Seitdem die Grundschulempfehlung für Eltern nicht mehr verbindlich ist, steigt in Baden-Württemberg die Zahl der Sitzenbleiber. Während im Landtag über Sinn und Unsinn der Gesetzgebung debattiert wird, sind Friedrichshafener Gymnasien damit beschäftigt, mit der neuen Situation umzugehen. Die Zahl der Schüler, die den Ansprüchen des Gymnasiums nicht gewachsen sind, nimmt offensichtlich auch hier zu.

„Diese Erfahrung machen wir auch“, sagt Hermann Dollak, Leiter des Graf-Zeppelin-Gymnasiums (GZG). „Aber anstelle mehr Sitzenbleiber beobachten wir, dass die Zahl der Abmeldungen zunimmt.“ Damit meint er diejenigen Eltern, die aufgrund der schlechten Leistungen ihrer Kinder sich dann doch dazu entscheiden, ihren Nachwuchs auf die Realschule zu schicken – häufig gar mitten im Schuljahr, bevor am Schuljahresende lauter Fünfer und Sechser im Zeugnis stehen.

Falle auf, dass ein Schüler der Lerngeschwindigkeit des Gymnasiums nicht gewachsen sei, nehme man am GZG intensive Beratungen mit den Eltern auf, erklärt Dollak. Dabei werde besprochen, ob das Kind auf einer anderen Schule eventuell besser aufgehoben wäre. Die meisten der Eltern seien da auch zugänglich und verstünden, dass es bei der Entscheidung vor allem um das Wohl des Kindes gehe. Aber gelegentlich gäbe es auch Eltern, die sich trotz allem dafür entscheiden würden, das Kind auf dem Gymnasium zu belassen.

Dass ein Schüler nicht mitkomme, zeige sich jedenfalls häufig erst ab der sechsten Klasse. Nach einer „sanften Einführungsphase“ in der Fünften nehme der Lernstoff da nämlich deutlich zu. „Wir merken das aber schnell, wenn ein Schüler Probleme hat“, sagt Dollak. Ab Klasse sechs, wenn im G8 die zweite Fremdsprache dazukomme, sei es dann auch oft keine Überraschung mehr, wenn ein Kind wiederholen müsse.

Aussagekräftige Statistiken fehlen

Oliver Berger, stellvertretender Schulleiter am Karl-Maybach-Gymnasium (KMG) und früherer Beratungslehrer, fällt es schwer, die Sitzenbleiberquote einzuschätzen: „Vom Gefühl her ist es mehr geworden“, sagt Berger, „aber keineswegs dramatisch.“ Doch ob Lernschwierigkeiten mit einer ignorierten Grundschulempfehlung zusammenhingen, sei kaum nachzuvollziehen: „Wir bekommen ja gar nicht mitgeteilt, was die Grundschullehrer empfehlen“, sagt Berger. Erst in Beratungsgesprächen, in denen geprüft werde, woran es denn liegen könnte, frage man mal nach, was die Grundschule empfohlen habe. Die Treffsicherheit – dass dem Kind tatsächlich eine andere Schule empfohlen wurde – sei bei diesen Beratungen zugegebenermaßen hoch.

Deshalb beobachte das Kollegium seit dem Wegfall der Grundschulempfehlung verstärkt und genauer, ob und welche Kinder sich schwer täten. Im Durchschnitt seien ein bis zwei Kinder pro Klasse auffällig. Dann reagierten die Gymnasien aber auch früh mit Unterstützungen, wie zum Beispiel Hausaufgabenbetreuung, um Ehrenrunden abzuwenden. Berger merkt auch an, dass es viele Gründe gibt, warum ein Kind schlecht in der Schule ist. Pubertät, Krankheit, Freundeskreis. Allesamt Einflussfaktoren, die nicht von Anfang an eine Rolle spielen. Es würde sich wohl lohnen, hier bessere Statistiken zu führen.

Gemeinschaftsschule ist flexibler

Thomas Strobel, Schulleiter der Gemeinschaftsschule Schreienesch, hält ebenfalls viel von den Grundschulempfehlungen. „Wenn die Eltern sich daran halten,“ sagt Strobel, „passieren Wiederholungen eigentlich nicht.“ Für diejenigen, die das Risiko eingingen, gehe es oft nicht so gut. Das merke er auch, aber nicht aufgrund der Abmeldungen wie am GZG, sondern aufgrund der Anmeldungen. „Schulwechsel hat es früher auch schon gegeben“, sagt der Schulleiter, „aber es findet jetzt schon gehäuft statt.“

Aber schlussendlich spielt die Empfehlung an einer Gemeinschaftsschule, wie die Schreinesch oder die Graf-Soden-Schule, eine untergeordnete Rolle. Denn Sitzenbleiben gibt es hier gar nicht. Strobel erklärt: „Wir haben die Flexibilität, um auf Schüler mit Lernschwierigkeiten besser eingehen zu können.“

Elternvertretungen sehen derweil noch keinen Handlungsbedarf. „Ja, die Eltern sprechen auch mal drüber“, sagt Carola Steybe, Elternbeiratsvorsitzende des KMG. Viele Eltern würden das nicht so gut finden, wenn die Grundschulempfehlung ignoriert werde. Überforderte Kinder fielen gelegentlich störend im Unterricht auf. Aber Handlungsbedarf gebe es noch keinen. Axel Hoff, Elternbeiratsvorsitzender des GZG teilt diese Einschätzung.

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Im August 2014 hatte das Kultusministerium bekannt gegeben, dass nach den Sommerferien an den Realschulen 4,4 Prozent der Fünft- und 3,8 Prozent der Sechstklässler die Klasse wiederholen, an den Gymnasien 1,6 Prozent der Fünft- und 2,6 Prozent der Sechstklässler. Damit hatten sich die Werte bei den Fünftklässlern der Realschule innerhalb von zwei Jahren versechsfacht, an den Gymnasien vervierfacht.

Sitzenbleiben dürfen Schüler nur einmal in zwei Jahren. Schüler, die zwei mal sitzenbleiben, müssen automatisch die Schule wechseln.

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