Wenn die Bürgersteige zu früh hochgeklappt werden

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crossmedia Volontärin

Die Enttäuschung nach einem zu kurzen Kneipenabend mit viel zu leiser Musik hat für die Mitglieder der Häfler Band „110 Prozent“ den Ausschlag für ihr neuestes Lied „Friedhofshafen“ gegeben. „Da haben wir uns gesagt: Jetzt reichts, jetzt schreiben wir ein Lied“, erzählt Sänger und Gitarrist Kai. In ihrem „Protestsong für mehr Nachtleben in FN“ kritisieren „110 Prozent“, dass in Friedrichshafen die Bürgersteige zu früh hochgeklappt werden und es kein pulsierendes Kneipenleben mehr gebe.

Mit drei Bierflaschen und ihren Gitarren setzten sich Kai (34, Gitarre und Gesang), Phil (33, Bass und Backing Vocals) und Nice (24, Schlagzeug) auf den Boden ihres Proberaumes, stellten eine Videokamera auf einen alten Holzstuhl und sangen sich ihren Frust von der Seele. Mehr als 8000 Klicks hat das Lied mittlerweile auf Youtube. Seit der Veröffentlichung am 20. Mai haben unzählige Nutzer in Kommentaren in sozialen Medien ihre Zustimmung bekundet. „Willkommen in Friedhofshafen, hier kannst du friedlich schlafen, hier hast du deine Ruh’, die Kneipen haben zu“, heißt es im Refrain.

Kritik an strengen Auflagen – Stadt widerspricht

Was in Friedrichshafen fehle, sei eine lebendige Kneipenkultur. Vor allem Lokale, die auch nach 1 Uhr noch geöffnet haben, vermissen die Jungs schmerzlich. „Einfach mal eine schöne Bar, wo man auch feiern kann bis um vier“, beschreibt Sänger Kai die Art von Kneipen, die es seiner Meinung nach vor zehn, fünfzehn Jahren noch an jeder Ecke gegeben habe. „Durstige Bürger zählen längst nicht mehr, nur noch Rentner und Touristen“, singen die drei Musiker in „Friedhofshafen“. Es sind kritische Worte, die die drei Häfler vor allem an die Stadtverwaltung richten: „Wir sehen ganz klar den Bürgermeister und den Gemeinderat in der Pflicht“, sagt Frontmann Kai.

Denn ein Mangel an Gastronomie sei nicht das Problem, es seien die ihrer Ansicht nach zu strengen Auflagen, die das Nachtleben ausbremsten. Spätestens um 1 Uhr müsse die Musik so heruntergedreht werden, dass man kaum erkenne, welches Lied gespielt werde oder die Kneipe schließe ganz. Grund seien Anwohner, die sich über den Lärm beschweren. „Wir finden es eine Frechheit, dass Nachbarn oder Missgönner da so ein Gehör finden“, sagen die drei Deutsch-Punkrocker. „In jeder anderen Stadt funktioniert’s ja schließlich auch und da gibt’s auch Nachbarn.“

Stadt-Pressesprecherin Monika Blank spielt den Ball auf SZ-Nachfrage zurück: „Es liegt auf jeden Fall nicht an den Sperrzeiten, die in der Stadt Friedrichshafen gelten, dass wir hier weniger Kneipenszene haben als in anderen Städten.“ Die orientierten sich an der landesweit gültigen Gaststättenordnung. Demnach müssen Kneipen unter der Woche um 3 Uhr, am Wochenende um 5 Uhr schließen. „In anderen Städten wie Ravensburg oder Überlingen gelten sogar strengere Sperrzeiten als in Friedrichshafen“, merkt sie an. Für Livemusik-Veranstaltungen setzt die Stadt die Sperrzeit fest. Generell dürften die Lärmgrenzwerte, die bundeseinheitlich geregelt sind, nicht überschritten werden. Blank spricht von einer „sehr liberalen Lösung, die von den Wirten nicht ausgeschöpft wird“. Die Möglichkeiten, die Friedrichshafen für Kneipenwirte geschaffen habe, seien sehr groß: „Die Stadt macht vieles möglich, aber Kneipen betreiben können wir leider nicht“, so Blank.

Anders als der Text ihres neuen Werkes vermuten lässt, wollen die Mitglieder von „110 Prozent“ ihre Heimatstadt keineswegs in die Pfanne hauen – im Gegenteil. „Wir sind 110 Prozent Häfler“, sagen die drei. Immerhin, einen „Schritt in die richtige Richtung“ sehen sie in der „City of Music“, die zweimal im Jahr die Stadt aus allen Nähten platzen lasse. „Daran sieht man ja, dass die Leute weggehen wollen“, meinen die Hobbymusiker. Die Hoffnung, mit ihrem Lied etwas bewirken zu können, haben sie trotzdem. „Vielleicht machen wir bald auch was für die jüngeren Leute und nehmen eine Version mit Kindern und Teenies auf“, verraten sie.

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