Wenn der Zuschauer zum Opfer und zum Täter wird

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 In dem Stück „Spurensuche“ machen die Schüler des Ernst-Mach-Gymnasiums aus Haar in Bayern ihre Zuschauer zu Mitläufern.
In dem Stück „Spurensuche“ machen die Schüler des Ernst-Mach-Gymnasiums aus Haar in Bayern ihre Zuschauer zu Mitläufern. (Foto: Lydia Schäfer)
Lydia Schäfer

Sie sind immer für eine Entdeckung gut: die Theatertage am See. In diesem Jahr fällt insbesondere die Mittelstufengruppe des Ernst-Mach-Gymnasiums auf. Mit „Spurensuche“ haben sie das Thema Erbgesundheitslehre, die sogenannte Eugenik, aufgearbeitet. Sie haben in den Archiven der Stadt gewühlt, Zeitzeugengespräche geführt und sich mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt. Die Schüler kommen aus Haar in Bayern. Die dortige Heil- und Pflegeanstalt wurde während der Nazizeit zur Mordanstalt. Zwischen 1939 starben dort 2000 Patienten an Unterernährung, 332 Kinder wurden gezielt getötet und mehr als 2000 in Tötungsanstalten geschickt.

Gräueltaten – ohne Frage. Doch die Schüler haben über den menschlichen Tellerrand hinausgeblickt und sich gefragt, wie man selbst gehandelt hätte? Eine Frage, mit der sie auch das Publikum konfrontieren. „Spurensuche“ ist ein interaktives Theaterstück, bei dem der Zuschauer zum Akteur wird: Er ist Opfer, er ist Täter. Weiße, aufeinander gestapelte Kartons begrenzen das kleine Theater der Bodenseeschule auf eine quadratische Fläche, die der Zuschauer betritt. Um ihn herum sind die Akteure des Stücks, die auf erhobenen Podesten auf die Zuschauer herabblicken, sie einkreisen, begrenzen und dann wieder in die „Freiheit“ des Bühnenraums entlassen.

Immer wieder wechseln sie die Spielstätte, mal stehen sie auf den Podesten, mal werden Zuschauer auf die Podeste gestellt und ein weiteres Mal mischen sich die Gruppen. Sie zitieren aus Briefen, aus Archivmaterial, konfrontieren mit Daten, Zahlen und Fakten. Anhand dreier Opferschicksale – Edith, Benny und Margarete – zeichnen sie ein Bild der Gräueltaten der Nazis. Sie pflücken das System des Überwachungsstaates auseinander, werden selbst zu Bewachern oder Überwachten, so wie die Zuschauer, die sich gewollt oder nicht, der Dynamik und des Gruppenzwangs kaum entziehen können.

In dem abgedunkelten Theaterraum, der lediglich mit vereinzelten Spotlichtern versehen ist und in dem sphärische Elektromusik erklingt, kann man sich der Intensität des Stücks nicht entziehen. „Spurensuche“ geht unter die Haut. Die direkte Konfrontation mit den Akteuren, die provozierenden Blicke und die Tatsache, dass es den Jugendlichen gelingt, jeden – sowohl im übertragenen als auch im wahrsten Sinne des Wortes – zum Mitläufer zu machen, gibt am Ende des Stücks zu denken. Doch die Akteure lassen ihr Publikum nicht allein und beantworten jede Frage. Kaum ein Zuschauer hat direkt nach Ende des Stücks den Saal verlassen, sondern Gespräche mit den Jugendlichen gesucht.

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