Mit dem Globalisierungsexperten Franz Josef Radermacher startete die Zeppelin Universität am Freitagabend gemeinsam mit dem Rot
Mit dem Globalisierungsexperten Franz Josef Radermacher startete die Zeppelin Universität am Freitagabend gemeinsam mit dem Rotaract Club Friedrichshafen ins Frühjahrssemester der Reihe Bürger-Universität. Auf dem ZF Campus der ZU im Fallenbrunnen s (Foto: sig)
Schwäbische Zeitung
Siegfried Großkopf

Mit einem interessanten Vortrag des Globalisierungsexperten Franz Josef Radermacher zum Thema „Wirtschaft der Zukunft“ hat die Zeppelin-Universität am Freitagabend gemeinsam mit dem Rotaract Club Friedrichshafen das Frühjahrssemester ihrer Reihe Bürger-Universität gestartet. Vor dem Hintergrund des prognostizierten Anstiegs der Weltbevölkerung von heute knapp 7,5 auf zwölf Milliarden Menschen im Jahr 2100 forderte er eine entsprechende Wechselwirkung von Marktwirtschaft und Demokratie sowie einen Transfer von den Stärkeren zu den Schwächeren in der Gesellschaft.

Der Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung und Inhaber des Lehrstuhls für Datenbanken und künstliche Intelligenz an der Uni Ulm hält bishige Weltbevölkerungsprognosen von neun Milliarden Menschen für untertrieben. Realistisch seien zwölf Milliarden. Den größten Zuwachs werde es in Afrika von heute 1,2 Milliarden auf 4,4 Milliarden geben, gefolgt von Indien. „Und wir werden nervös, wenn eine Million kommen“, bemerkte er zur aktuellen Diskussion in Deutschland. Radermacher sprach von einer echten Herausforderung und bedauerte, anstatt den Bevölkerungsanstieg zu tabuisieren sollte mn planvoll vorgehen. Vor allem die „starken Kräfte“ wollten sich mit diesem Problem nicht beschäftigen.

Armut verschlimmert sich

Radermacher sieht die zwölf Milliarden Menschen in Zusammenhang mit dem Klimawandel, der die Armut in den heute schon heißesten Regionen der Erde noch verschlimmern werde. Wenn dort die Hitze noch größer werde, gebe es kein Überleben. Da der Mensch traditionell in Flusstälern siedle, würden fruchtbare Böden und Wasserreserven rar. Ohne Wasser aber gehe nichts, weshalb die Menschen dort nicht bleiben könnten. „Wir laufen auf eine explodierende Weltbevölkerung zu“, befürchtet Radermacher. Der Professor tritt für eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft ein und wurde für sein diesbezügliches Engagement in den renommierten „Club of Rome“ aufgenommen.

Er erwartet speziell im Hinblick auf die Wasserressourcen einen „wahnsinnigen Druck“. Der Kampf ums Wasser werde ein großes Thema. Nötig sei ein Programm für die Erde, an dem die Wohlstandsstaaten aber nicht interessiert seien. Sie wollten weder eine globale Demokratie noch ein Abrücken von der bestehenden Ordnung. Radermacher schließt sich der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, OSZE, an, die davor warnt, dass die Vermögensverteilung auf der Erde aus dem Ruder läuft, und wirbt dafür, die Einkommens- und Vermögensverteilung in Balance zu halten. Er stimmt auch dem früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zu, der das Geheimnis eines funktionierenden Marktes in einer Wechselwirkung sieht.

Das Problem sei, dass sich zu viel Vermögen in der Hand von wenigen Menschen befinde. Allerdings sei auch der Ruf nach Gleichmacherei falsch. Das kommunistische System komme nur der Nomenklatura zugute. Der Professor hält den deutschen Länderfinanzausgleich trotz der Lamentos aus Bayern für eine gute Sache.

Frust hilft nicht weiter

Er selbst arbeitet an einem Marshallplan für Afrika und den Nahen Osten mit. Als Gegenleistung zur Hilfe für die Schwächeren müsse gesichert sein, dass Kinder in die Schule könnten und Entwicklungsländer nicht zu Müllhalden der Welt verkämen.

In der Diskussion erinnerte sich ein Zuhörer an eine Aussage Radermachers vor 25 Jahren in Ravensburg, als er bereits daran appellierte, etwas „in Richtung Süden“ tun zu müssen. Ob er Frust bekomme hinsichtlich des wenig Geschehenen? Frust helfe nicht, bemerkte Franz Josef Radermacher. „Die Welt ist kompliziert.“ Er könne sich nur bemühen, mit anderen etwas zu erreichen – und sich selber nicht so wichtig zu nehmen.

Beim Thema Übergang in die Informationsgesellschaft wollte ein Student wissen, wie entgegengesteuert werden könne, wenn künstliche Intelligenz übermenschliches Niveau bekomme? Nötig, so Radermacher, sei ein Moratorium, damit wir solche Maschinen nicht entwickeln.

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