Weißes Rössl kommt frisch gestriegelt daher

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Im Weißen Rössl: Großer Bahnhof für den Kaiser.
Im Weißen Rössl: Großer Bahnhof für den Kaiser. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Dass Ralph Benatzkys Singspiel „Im weißen Rössl“ absolut nicht totzukriegen ist, hat die Aufführung des Euro-Studios Landgraf in Koproduktion mit der Wanderoper Brandenburg am Dienstagabend im Graf-Zeppelin-Haus nachdrücklich bewiesen. Rhythmisches Klatschen belohnte die quietschvergnügte Aufführung zwischen Operettenseligkeit und Parodie.

Gespielt wurde an diesem Abend die erfolgreiche Fassung der Berliner „Bar-jeder-Vernunft“-Aufführung, die 1994 das Lustspiel wieder aus der Versenkung geholt hatte. Zur Musik von Ralph Benatzky kamen noch musikalische Einlagen von Robert Gilbert, Bruno Granichstaedten und Robert Stolz, also ein aufgepepptes, frisch gestriegeltes Weißes Rössl in der Inszenierung von Claus J. Frankl.

Eigentlich sah das berühmte Lokal am Wolfgangsee eher so aus, als ob es seine besten Tage längst hinter sich hätte, ein flacher, eingeschossiger Bau mit Dachgeländer, dahinter nach Bedarf das Paradezimmer, ein Alpengipfel oder das Rad des Raddampfers, der laufend seine Gäste ausspuckt. Links am Bühnenrand eine spritzige kleine Combo mit dem musikalischen Leiter Johannes Zurl am Keyboard, dazu Geige, Klarinette, Saxofon, Kontrabass und Schlagzeug, alle hübsch stilgerecht gewandet in Dirndl und Lederhosen, wie aus dem Hochglanzprospekt entsprungen.

Nostalgie im Dirndl

In einer Mischung aus nostalgischen Zitaten kamen die Sommerfrischler aus aller Welt auf die Bühne, ein starker Kontrast zur Rösslwirtin Josepha im feschen Dirndl und zum Zahlkellner Leopold, würdevoll im Smoking. Augenzwinkernd karikiert erschien Kaiser Franz Joseph mit seinen Standardsprüchen „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.“ Dass er durchaus menschliche Züge hatte und für die Wirtin, die sich nach neuem Eheglück sehnt, Verständnis zeigte, machte ihn zum Kaiser zum Anfassen.

Überraschend, welch prächtige Stimmen sie mitbrachten, besonders die Damen: Antje Bornemeier als Wirtin, Julia Domke als Ottilie Giesecke wie als Briefträgerin Kathie und Marie-Audrey Schatz als Klärchen und als Stubenmädchen, aber auch Herman Wallén als charmanter und zuweilen so herrlich beleidigter Leopold. Leider mit Mikrofon, wie es beim Musical nun einmal üblich ist, aber so, dass die Stimmen in ihrer Frische, ihrem Wohlklang zum Genießen waren.

Touristen aus arabischen Ländern hockten in aller Eile vor dem Weißen Rössl, zückten ihre Smartphones. Schlag auf Schlag entwickelte sich das Geschehen um den Streit der Berliner Hosenfabrikanten und das Finden der Paare, die zuletzt aufgedreht als Verlobte grüßen. Fast wollte man mitleiden mit Leopold, wenn er sich im Liebesschmerz bloß nicht gar so wild aufführen würde, doch die Josepha hat ihn am Ende doch zum stolzen Rösslwirt gemacht. Das Weiße Rössl auf der Bühne dürfte noch aufgepeppt werden, Musik und Texte haben es schon hinter sich. In dieser Form hat das alte Singspiel durchaus Chancen, sich gegenüber dem Musical zu behaupten.

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