Von sichtbaren und unsichtbaren Netzwerken

Lesedauer: 5 Min
Aschaeh Khodabakhshi und ihr Töchterchen vor einer roten Skulptur.
Aschaeh Khodabakhshi und ihr Töchterchen vor einer roten Skulptur. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Aus der Häfler Galerie Plattform 3/3 ist am selben Ort das Kunsthaus Caserne geworden, das unter dem Dach der Kulturhaus Caserne GmbH die langjährige Arbeit von Erika Lohner fortsetzt. In der am Freitagabend eröffneten zweiten Ausstellung des neuen Teams zeigt die im Landkreis Ravensburg aufgewachsene, in Tettnang lebende iranische Künstlerin und Fotografin Aschaeh Khodabakhshi unter dem Titel „Konnektiv“ Gemälde und Skulpturen, zur Eröffnung ergänzt durch eine interaktive Musikprojektion.

„Als ob es tausend Stäbe gäbe“ hat Rainer Maria Rilke in einem seiner bekanntesten Gedichte, „Der Panther“, geschrieben. Stäbe, hinter denen ein schwarzer Panther sich ständig hin und her bewegt, eingesperrt. Unwillkürlich kommen einem die Zeilen in den Sinn, wenn man vor den grazilen Kunstwerken der Künstlerin steht.

Zarte Gebilde aus dünnem Draht sind es. Stab fügt sich an Stab, schnurgerade, hauchdünn. So entstehen Dreiecke, Gebilde, die von immer neuen Verbindungspunkten ausstrahlen. Sie scheinen im Raum zu schweben, sind aber doch geerdet. Gebilde, die nicht einem bestimmten Zweck dienen wie die viel größeren, aber dennoch zarten Gerüste, um die sich die silberne Haut eines Zeppelin NT spannt. Gebilde, die die Augen entlangspazieren lassen und zum Nachdenken einladen. Sie fordern die Wahrnehmung des Betrachters heraus. Es ist eine Kunst, die zweckfrei scheint, aus dem Alltäglichen herausreißt.

Das Wort „reißen“ passt nicht, denn es suggeriert ein plötzliches Tun. Hier dagegen wird man langsam an eine andere Betrachtungsweise herangeführt. Der Künstlerin geht es um die Verbundenheit: um physische, geistige, kosmische Ebenen, die bewusst oder unbewusst wahrgenommen und erlebt werden, um Netzwerke und Verknüpfungen, um Übertragungswege, die für das Prinzip der Verbundenheit stehen.

An einer Wand hängen Abzüge schwarzweißer Fotografien: Landschaften, über die auch so ein feines Netzwerk gelegt wurde und mit der Landschaft korrespondiert. Lässt es sie in anderem Licht erscheinen? Nein, das Licht bleibt gleich, aber das trigonometrische Gebilde ist hinzugekommen. Ob es das ursprüngliche Bild stört? Jeder wird das anders empfinden, auch aufgrund seiner momentanen Befindlichkeit. Auf jeden Fall wird das Sehen verändert, anderes tritt in den Mittelpunkt. Wieder anders sind die Gemälde, etwa das große Bild, bis auf die auslaufenden Flächen am unteren Rand schwarz grundiert, auf dem wiederum hauchdünne, schnurgerade Linien von Punkten ausstrahlen, einen Körper bilden. Tiefe entsteht, die Zweidimensionalität wird aufgebrochen, in die Dreidimensionalität überführt.

Viel Raum für die Werke

So leicht lassen einen die auf Sockeln stehenden Skulpturen, die Bilder an der Wand nicht los. Wunderbar gehängt, so dass Raum bleibt und ein nachthaltiger Eindruck entsteht. Zur Vernissage war auch noch die interaktive Musikprojektion „Konnektiv“ mit Videos auf Vimeo zu erleben: Töne, die Dominik Blöchl intuitiv auf dem Piano spielte, verbanden Punkte miteinander, bildeten so immer neue Netzwerke, die wuchsen, zerfielen, sich neu aufbauten, Verbindungen sichtbar machten.

Die Plattform 3/3 hat sich gewandelt, hat eine Metamorphose erlebt, die zeigt, dass neues Leben den Raum füllt, dass es weitergeht unter einem neuen Künstlerteam. Das Programm bis Ende des Jahres steht schon.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen