„Viel zu spät mit dem Widerstand angefangen“

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Renate Habermaas

Hartmut Semmler hat am Samstag interessierte Bürger in einer historischen Führung mit dem Thema „75 Jahre Zerstörung Friedrichshafens“ durch die Alt- und Neustadt geführt. Dabei erfuhren die Zuhörer, welche Gebäude zerstört wurden, wie der Alltag der Menschen während des Nationalsozialismus in Friedrichshafen aussah und warum der Widerstand gegen das Regime schwierig war.

„Dieses Thema ist immer wieder aktuell und das Interesse daran weiterhin ungebrochen“, sagte Semmler der kleinen Schar, die dem schlechten Wetter trotzte und zwei Stunden lang auf den Spuren der Geschichte die Stadt erkundete.

Kirchplatz bei St. Nikolaus: „Dieser Platz hat mehr mit dem Dritten Reich zu tun als Sie ahnen“, sagte Semmler und zeigte Fotos vom Platz, bevor der Nationalsozialismus nach Friedrichshafen kam. 1937 richtete man ein Stadtplanungsamt ein, mit dem Ziel, die Stadt im Sinne der Nazis umzugestalten. Dafür sollten Häuser in der Altstadt abgerissen werden, um einen Freiplatz zum Aufmarsch zu schaffen. Der Plan wurde so nicht realisiert, aber nach dem Krieg schuf man in Anlehnung an die Planung der Nazis diesen Platz, damit die Stadt ein Wahrzeichen bekommt.

Gebäude der „Schwäbischen Zeitung“: Das Gebäude der „Schwäbischen Zeitung“ in der Schanzstraße war während des Zweiten Weltkriegs der Heldenbunker. Platziert in der Nähe der damaligen Polizeistation, war dieser Bunker ein Luftschutzgebäude für die obere Nazischicht. Für die Normalbürger gab es einen unzureichenden Zivilschutz, denn diese mussten in ihren eigenen Häusern im Keller Schutz suchen. Dabei war die psychische Belastung der Bevölkerung während der Luftangriffe sehr groß. „Wenn jemand in Panik geriet und aus dem Haus hinaus lief, war es schwierig“, erzählte Hartmut Semmler.

Technisches Rathaus: Damals als „Braunes Haus“ bekannt, verkörperte das heutige Technische Rathaus, die Zentralisierung der Nazi-Macht. Der Platz davor wurde als Aufmarschplatz genutzt, auf dem die Hitlerjugend am Weißen Sonntag marschierte. Das sollte ein deutliches Zeichen dafür sein, dass der Kommunionssonntag und damit auch die Kirche dem Regime unterlag. „Man war demonstrativ an diesem Tag aufmarschiert, um die Macht der Nazis zu inszenieren“, erklärte Hartmut Semmler.

Graf-Zeppelin-Gymnasium (GZG): „Wir sind hier an einem Platz, wo es darum ging, junge Menschen für den Krieg zu verheizen“, sagte Semmler vor dem Gebäude des GZG. Oberschüler wurden an die Front geschickt und bekamen danach als Belohnung Bonbons, in denen man bis heute nicht weiß, was darin steckte. Vermutungen, dass den jungen Männern damit die Droge Crystal Meth verabreicht wurde, um den Kriegsstress zu bewältigen, liegen nahe.

Fridolin-Endraß-Platz: „Ich weiß, das kostet mich mein Leben“, soll Fridolin Endraß gesagt haben, der mit der Verteilung von Flugblättern und dem Aufruf zum Widerstand gegen das Regime alles riskiert hat. Damals entwickelten die Nazis den Begriff des Volksschädlings und machten damit verschärft Propaganda, diese zu töten.

Elf Luftangriffe und ungefähr 1000 Tote sind die Zahlen der Zerstörung, die die Stadt überrollte. Dass die Zahl der Toten relativ niedrig war, habe man einer vorangehenden Evakuierungswelle zu verdanken. Der Alltag der Bürger in Friedrichshafen war in dieser Zeit von der Angst gegenüber dem Regime geprägt, sagte Semmler, der hinzufügte: „Man hat viel zu spät mit dem Widerstand angefangen“.

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