VfB-Trainer Warm: „Der Gipfel ist halt im Nebel“

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 Friedrichshafens Trainer Michael Warm (re., daneben Nikola Gjorgiev) ist derzeit in seiner Wahlheimat Wien.
Friedrichshafens Trainer Michael Warm (re., daneben Nikola Gjorgiev) ist derzeit in seiner Wahlheimat Wien. (Foto: Archiv: Günter Kram)
Schwäbische Zeitung

Dachterrasse statt ZF-Arena, Wien statt Friedrichshafen: Für Michael Warm, den Trainer der Volleyballer des VfB Friedrichshafen, ist nichts mehr, wie es noch vor ein paar Tagen war. Innerhalb weniger Stunden entschloss sich die Volleyball-Bundesliga in der vergangenen Woche, die Saison abzubrechen. Die meisten Spieler sind inzwischen zurück in ihrer Heimat. Auch Warm ist zurück nach Wien, wo er mit seiner Ehefrau lebt. Dort hat er jetzt viel Zeit darüber nachzudenken, was in der vergangenen Saison gut war und was besser werden muss. Theresa Gnann hat sich mit dem 51-Jährigen über den Umbruch des VfB Friedrichshafen in Zeiten von Corona unterhalten.

Herr Warm, wie haben Sie die vergangenen Tage erlebt?

Es ist schon alles sehr bewegend und aufregend, weil man ja nach wie vor nicht weiß, wie es weitergehen wird. Von daher beschäftigt mich die Situation genauso wie jeden anderen auch. Ich versuche, möglichst gut durchzukommen, und mich einzubringen, wo es mir möglich ist. Rein sportlich bin ich immer noch enttäuscht und auch durcheinander, weil wir – und ich habe viel mit Spielern gesprochen – alle dieses feste Gefühl haben, dass bei uns vor fünf oder sechs Wochen der Knoten geplatzt ist und wir endlich auf dem Weg waren, unsere Qualität abzurufen. Da wurden wir mittendrin rausgerissen.

Was wäre in der vergangenen Saison für den VfB Friedrichshafen drin gewesen?

Wir sind uns eigentlich alle sicher, dass die Play-offs unsere Play-offs gewesen wären. Daran gibt es bei keinem von uns einen Zweifel. Es ist schade, dass wir da rausgerissen wurden, aber die Entscheidung ist absolut nachvollziehbar und war auch alternativlos. Von daher muss man da nicht mehr viel drüber nachdenken. Es gibt jetzt einfach wichtigere Dinge als Volleyball.

Statt in der Halle verbringen Sie jetzt Ihre Tage in Wien. Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Naja auf den ersten Blick gibt es schlimmere Schicksale. Ich sitze auf meiner Dachterrasse in der Sonne und kann über halb Wien schauen, links von mir ist mein Laptop, rechts mein Handy. Aber hier herrscht seit Sonntag eine Ausgangssperre. Das heißt, man darf ohne triftigen Grund eigentlich gar nicht mehr aus dem Haus. Für mich geht es jetzt darum, die Saison abzuschließen und auszuwerten und mir noch einmal Zeit zu nehmen für jeden Spieler und natürlich auch mein Trainerteam. Und natürlich ist der Blick auch schon nach vorne gerichtet.

Blicken wir zuerst einmal zurück auf die vergangene Saison. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Wir haben eine ganze Zeit gebraucht, bis wir den Volleyball, den wir spielen wollen, so richtig verinnerlicht haben. Das hat länger gedauert als gedacht. Die Erfolge in der ersten Saisonhälfte haben das ein bisschen übertüncht. Bis Weihnachten waren wir erfolgreich, ohne wirklich gut zu spielen. Nach dem Jahreswechsel haben wir auch durch die vielen Verletzungen dann das Gleichgewicht im Team verloren, hatten eine sehr schwache Phase. Danach kam aber der Umbruch. Mit viel harter Arbeit haben wir den Faden wieder gefunden und waren vorbereitet für die Play-offs. Insgesamt haben wir in dieser Saison doch eine lebhafte Geschichte geschrieben: Wir hatten ein schwieriges Tief und haben uns gut herausgearbeitet. Aber der Gipfel liegt jetzt im Nebel. Wir sehen ihn nicht und werden nie erfahren, ob wir ihn erreicht hätten. Das ist die Demut, die man im Leben immer wieder lernt. Man muss akzeptieren, dass man nicht immer alles im Griff haben kann.

Angenommen, die neue Saison startet ganz normal. Ist schon abzusehen, wie sich das Team in der nächsten Saison verändern wird?

Schwierig ist jetzt, dass wir die Leistung der Spieler in den Play-offs, also in den entscheidenden Spielen, nicht sehen und beurteilen können. Damit müssen wir irgendwie zurecht kommen. Trotzdem wollen wir das Versprechen einlösen, das eine oder andere Toptalent wieder nach Friedrichshafen zu holen, das hier die Möglichkeit bekommt, sich zum internationalen Topspieler zu entwickeln. Ich denke da an die berühmte Namen beim VfB wie Christian Pampl, Jochen Schöps, Simon Tischer oder Georg Grozer. Diese Tradition wollen wir fortführen und gleichzeitig ein Team haben, das in allen Finals angreifen kann - ungeachtet dessen, dass die finanzielle Situation momentan völlig unklar ist. Keiner kann genau sagen, wie es nach der Krise aussieht. Aber wir sind trotzdem sehr zuversichtlich, dass wir eine gute Mannschaft zusammenstellen.

Auch innerhalb des Vereins stehen große Veränderungen an. Wohin soll sich der VfB Friedrichshafen abseits des reinen Sports entwickeln?

Es war rund um Weihnachten durch die sich abzeichnenden personellen Wechsel viel Unruhe innerhalb des Vereins. Es hat ein bewusster Wandel begonnen, vom Erfolgs-VfB der Jahre 2006/2007, der dann noch eine Zeit lang mit dieser Kultur erfolgreich weitergearbeitet hat über verschiedene Prozesse in eine neue Ära, die künftig Thilo Späth-Westerholt anführen wird. In diesem Prozess finden jetzt die nächsten großen Schritte statt, in der sich auch die ganze Struktur der Geschäftsstelle verändern wird. Wir müssen jetzt überlegen: Wo sind die Entwicklungschancen für den VfB? Wie gestalten wir das Zusammenspiel zwischen dem Management rund um Thilo und dem Sport möglichst effektiv? Wie werden wir wieder ein Aushängeschild der Stadt? Der Unterschied ist zur Zeit nur der, dass man vieles aus der Ferne machen muss. Und klar, momentan kann noch keiner die Auswirkungen dieser Coronakrise greifen. Es weiß ja keiner, ob wir im Sommer wieder spielen können oder ob es Herbst wird. Oder vielleicht sogar noch später.

Noch ist auch nicht klar, ob der VfB in der nächsten Saison wieder in der Champions League spielen wird. Können Sie trotzdem schon eine Zielvorstellung abgeben? Wo soll der VfB Friedrichshafen in der nächsten Saison hin?

Vorab: Die Saison zu annullieren und das Ergebnis des letzten Jahres nehmen ist für mich persönlich die fairste und intelligenteste Art, die Diskussion um die Vergabe der internationalen Plätze zu beenden. Ich habe diese Tendenzen auch aus den anderen großen Ligen in Deutschland gehört. Aber da müssen wir jetzt erst einmal abwarten, was die internationalen Verbände entscheiden. Das hängt auch davon ab, wie schnell die Normalität wieder einkehrt und wann der Sport wieder den Stellenwert findet, dass man überhaupt weiterspielen kann. Klar ist, dass wir den VfB wieder da hinführen wollen, wo ihn die Menschen der Stadt auch gerne sehen, nämlich in der Liga und in Europa ganz weit oben. Das geht nicht von alleine, sondern nur mit viel Herz und Zusammenarbeit.

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