VfB Friedrichshafen will mit neuem Gehirn zum Triple

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Ressortleiter Sport

Vital Heynen hat ab sofort ein bisschen mehr Zeit zum Nachdenken. Der Trainer der Volleyballer vom VfB Friedrichshafen ist – irgendwann zwischen sensationell gewonnener WM mit der Nationalmannschaft Polens, den Feierlichkeiten ebendieses Coups und der wenigen, aber umso wichtigeren Trainingseinheiten mit seiner Stammmannschaft – umgezogen. Weg vom Bodensee, rauf ins Hinterland. Statt in Eriskirch wohnt der überzeugte Zu-Fuß-zur-Arbeitgeher jetzt in Oberteuringen-Bitzenhofen. Und das bedeutet: Statt sechs Kilometer Fuß- und Nachdenkmarsch zur Arbeit sind es nun immer rund neun Kilometer einfach.

Erster Höhepunkt am 28. Oktober

Die drei Kilometer mehr kamen Heynen vor der Abfahrt der Volleyballer zum ersten Saisonspiel in der Bundesliga am Samstag in Tübingen gegen TV Rottenburg (19.30/sporttotal.tv) gerade recht. „Ich habe mir noch keine Gedanken über meine erste Sechs gemacht“, sagte der Coach am Freitag der „Schwäbischen Zeitung“. Ob man das glauben mag oder nicht – klar ist: Heynen wird sich vor allem auf seine Intuition verlassen müssen. „Meine Co-Trainer Adam Swaczyna und Radomir Vemic haben mich in den letzten Wochen toll vertreten, aber richtig einschätzen kannst du die Spieler als Cheftrainer nur, wenn du sie live siehst. Da reicht kein Video“, sagte Heynen.

Live gesehen hat er seine Mannschaft nun aber nur am Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag. Der Coach habe „kleine technische Veränderungen vorgenommen und viel mit den Spielern gesprochen“, berichtet der neue Kapitän Markus Steuerwald.

Doch ob vier Tage Vorbereitung reichen, um die neuen Spieler kennenzulernen und die gesamte Mannschaft wieder aufeinander und den Coach einzuschwören? Heynen: „Am Anfang könnte es sicher etwas komplizierter werden. Die Mannschaft muss ins Siegen kommen. Ich erwarte aber schon, dass sie schnell eine Serie starten und so wieder auf ein Niveau kommt, das wir brauchen, um unsere Ziele erfüllen zu können.“

Die sind, wie immer beim Rekordmeister, ambitioniert. Nachdem die Berlin Volleys den Häflern die letzten drei Saisons den Titel vor der Nase wegschnappten – letzte Saison auch noch angeführt von der Häfler Trainerlegende Stelian Moculescu – liegt der Fokus der Friedrichshafener diese Saison auf der Bundesliga. Jedoch möchte Heynen auch Supercup und Pokal verteidigen. „Wir haben Glück mit dem Auftaktprogramm, die ersten drei Spiele sind sicher machbar. Doch danach zählt es – und dann wissen wir, wo wir stehen“, so Heynen.

Tatsächlich: Nach dem Auftakt gegen Rottenburg, vergangene Saison beinahe abgestiegen, folgt ein Wochenende mit zwei Heimspielen gegen die außer Konkurrenz spielenden Nachwuchsspieler von VC Olympia Berlin am Samstag und am Sonntag gegen die Vollyball Bisons Bühl, zuletzt auf Platz acht. Eine Woche drauf steigt dann aber schon das erste Duell der deutschen Volleyballgiganten: In Hannover geht es gegen die runderneuerten Berlin Volleys um den Supercup.

Bei den Berlinern musste der neue Trainer Cédric Énard sieben neue Spieler einbauen, zudem verlor der Meister mit Robert Kromm und Paul Carroll auch Herz, Hirn und Seele der Mannschaft. Die Häfler verloren durch Simon Tischers Rücktritt ebenfalls eine Identifikationsfigur, die auf dem Parkett zudem als Zuspieler das Gehirn und der Kapitän der Mannschaft war. Zum neuen Kapitän ernannte Heynen Markus Steuerwald – obwohl er diese Rolle auf dem Parkett als Libero regeltechnisch gar nicht ausüben darf.

Das neue Gehirn der Häfler soll Jakub Janouch werden; der Zuspieler ist neben Markus Steuerwald zunächst der einzige gesetzte Spieler für Heynen. Martin Krüger, der zweite neue Zuspieler, ist die Nummer 2 auf der im Volleyball wohl wichtigsten Position – und in Heynens defensiv ausgerichtete System noch öfter am Ball als anderswo. „Jakub tut mir ein bisschen leid. Der arme Junge bekommt jetzt in kürzester Zeit die volle Dröhnung Vital Heynen“, sagt der Coach, einst selbst Zuspieler.

Andererseits sieht es Heynen als Vorteil an, dass der Großteil der Mannschaft – auch und vor allem die für das defensive System des Coaches ebenfalls eminent wichtigen Mittelblocker – bereits schon die letzten zwei Jahre da waren. „Es gibt ja Trainer, die alle zwei Jahre fast ihre gesamte Mannschaft austauschen, um neue Impulse zu setzen. Ich gehöre da nicht dazu: Meine Mannschaften werden im dritten oder vierten Jahr immer noch besser.“

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