Verfahren gegen Häfler Klinikarzt eingestellt

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Ein Gutachter erhebt schwere Vorwürfe gegen alle an dem Patientenschicksal beteiligten Stellen.
Ein Gutachter erhebt schwere Vorwürfe gegen alle an dem Patientenschicksal beteiligten Stellen. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung
Alexander Mayer

Am Anfang des Gerichtsprozesses am Tettnanger Amtsgericht ist der Vorwurf der „fahrlässigen Tötung durch Unterlassung“ gestanden. Am Ende bezeichnete Florian Mader als Vertreter der Staatsanwaltschaft den angeklagten Häfler Klinikarzt zwar mitschuldig am Tod einer Patientin, er sprach aber auch von ihm als „Opfer des Systems“. Richterin Sibille Simma stellte im Einvernehmen mit Staatsanwaltschaft und Verteidigung das Verfahren ein. Als Auflage muss der auch nach dem Prozess nicht vorbestrafte Assistenzarzt 5000 Euro an „Brot für die Welt“ überweisen.

September 2013: Eine Patientin musste sterben. „Hätte“ man am Häfler Klinikum in einer Septembernacht des besagten Jahres „rechtzeitig medizinisch notwendige Schritte eingeleitet, wäre der Tod einer 56-jährigen Patienten mit großer Wahrscheinlichkeit zu verhindern gewesen“, resümierte der gutachtende Sachverständige im Gerichtssaal. Die Patientin aber sei gestorben, weil „gravierende Organisations- und Kommunikationsprobleme“ innerhalb des Klinikums zu Tage getreten seien. Nach Aussagen des Gutachters zwischen einzelnen Ärzten. Aber auch beim Pflegedienst. So sprach der medizinische Gutachter letztendlich von „keinem Einzelverschulden“. Jede am Patientenschicksal beteiligte Stelle im Klinikum „hat Fehler begangen“.

Angesichts der gutachterlichen Einschätzung sah die Richterin die Anklage in einem anderen Licht. Da war von „mehreren Kausalverlaufssträngen“ genauso die Rede wie von „überdurchschnittlicher Belastung“ des angeklagten Arztes mit Tag- und Nachtdienst.

Weil für Sibille Simma eine Restschuld des gelernten Rettungssanitäters und Unfallchirurgen aber außer Frage stand, war ein Freispruch nicht drin. Sie schlug vor den Plädoyers eine Einstellung des Verfahrens mit Auflagen vor. Staatsanwalt und Verteidiger des angeklagten Mediziners spielten mit.

Die Amtsrichterin ließ am Morgen des Donnerstags zunächst einmal den angeklagten Arzt zu Wort kommen. Der schilderte ausführlich innerhalb von zwei Stunden seine Sicht der Dinge. An einem Tag, an dem der Mediziner zwischen seiner Station und der chirurgischen Notaufnahme pendelte. „Der Tag war geprägt von etlichen Notfällen. Auf der Station einerseits, abends in der Notfallaufnahme andererseits. Da war mega viel los. Ich hatte aber trotzdem nicht das Gefühl überfordert zu sein, oder Hilfe anfordern zu müssen“, sagte der Mediziner. Sich selbst bezeichnete er „relativ akribisch und sorgfältig“.

„Dramatische Entwicklung“

Der 38-jährige Arzt zeigte sich überzeugt, dass er, als er aus der Notaufnahme auf seine Station zu einer Schmerzpatientin gerufen wurde, therapeutisch das Notwendige eingeleitet beziehungsweise unternommen habe. Er habe funktioniert. Da war unter anderem von Infusionstherapie die Rede. Und letztendlich auch von einem abendlichen Anruf einer Fachschwester von der Station, der Patientin gehe es wieder viel besser. „Mit dieser Nachricht war für mich der Fall vordringlich erledigt“, sagte der Arzt. „Ich konnte mich wieder meinen Fällen in der Notaufnahme zuwenden.“ An einem Abend mit „Hochbetrieb“.

Letztendlich hat sich der Fall aber „dramatisch entwickelt“, wie der Angeklagte einräumte. Nachvollziehbar sei dies für ihn allerdings nicht. Die Frau, die nach einem Unfall in der Türkei in Friedrichshafen an der Hüfte nachoperiert worden war, wurde nach den „Versäumnissen in der Nacht“ (Gutachter) tags darauf von der Station auf „Intensiv“ verlegt. Nach einer abermaligen Operation erfolgte die Verlegung in eine Klinik nach Freiburg – wo die Frau dann verstorben ist. Wie sagte doch der Gutachter: „Der letztendlich lebensbedrohliche Zustand durch Multi-Organ-Versagen nach inneren Blutungen wurde zu spät festgestellt. Da kam die Patientin nicht mehr heraus.“

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