Wie schneidet die CDU ab? Mit bangem Blick verfolgen Lothar Riebsamen, Volker Mayer-Lay und Ex-Minister Ulrich Müller (von links
Wie schneidet die CDU ab? Mit bangem Blick verfolgen Lothar Riebsamen, Volker Mayer-Lay und Ex-Minister Ulrich Müller (von links) die ersten Hochrechnungen. (Foto: Gunnar M. Flotow)
Schwäbische Zeitung
Regionalleiter

Auch im Wahlkreis 293 Bodensee ist die AfD die Gewinnerin der Bundestagswahl. Über Stimmenzuwächse dürfen sich FDP, Grüne und Linke freuen. Die Großkoalitionäre CDU und SPD verlieren, die Union noch mehr als die Sozialdemokraten. Ins Parlament ziehen Lothar Riebsamen (CDU) direkt und Alice Weidel (AfD) über die Landesliste ein. Die Wahlbeteiligung steigt auf 79,4 Prozent.

Als um Punkt 18 Uhr die ersten Prognosen über die TV-Bildschirme im großen Sitzungssaal des Landratsamtes flimmern, verfinstern sich die Mienen der meisten Anwesenden. Die große Mehrheit der zu diesem Zeitpunkt noch recht wenigen Politaktivisten im Raum gehört ins schwarze Lager. Klar, man wird weiter die Kanzlerin stellen, die Stimmenverluste aber sind deutlich.

An der Stimmung ändert sich wenig, als um 19.28 Uhr das erste Ergebnis aus der Bodenseeregion eintrifft: Frickingen. Fünf weitere badische Gemeinden folgen, bevor um 19.44 Uhr mit Oberteuringen das erste schwäbische Votum auf der großen Leinwand im Sitzungssaal erscheint. Es dauert dann bis viertel vor zehn, bis das Gesamtergebnis feststeht.

Die CDU erreicht 37,1 Prozent der Zweitstimmen, 11,6 Prozentpunkte weniger als 2013. Die SPD kommt auf 14,2 Prozent (minus 4,0). Zweitstärkste Kraft im Kreis sind die Grünen mit 14,7 Prozent (plus 2,9). Die FDP macht mit 6,8 Punkten den größten Satz nach vorn und kommt auf 13,2 Prozent, die Linken auf 6,1 Prozent (plus 1,7). Die AfD erreicht 10,4 Prozent, 5,9 Prozentpunkte mehr als im Jahr 2013. Den gleichen Wert erreicht die Direktkandidatin Alice Weidel, die auch als Frontfrau im Bund fungiert.

Lothar Riebsamen (CDU) kommt diesmal auf 41,4 Prozent, 12,5 Prozentpunkte weniger als bei seinem Triumph vor vier Jahren. Die anderen Kandidaten: Leon Hahn (SPD) 18,0 Prozent (minus 2,6), Markus Böhlen (Grüne) 13,9 Prozent (plus 2,7), Christian Steffen-Stiehl (FDP) 8,8 (plus 4,9) und Claudia Haydt (Die Linke) 5,3 (plus 0,8).

Wölfle: „Ein Vertrauensbeweis“

Landrat Lothar Wölfle gratuliert seinem Parteifreund Lothar Riebsamen zur direkten Wiederwahl. Die sei ein „Vertrauensbeweis der Wählerinnen und Wähler“. Riebsamen sei ein Mann, dessen Tür immer offen stehe, der ansprechbar und präsent in der Region sei.

Der so Gelobte sagt, er sei trotz der herben Verluste „heute nicht todtraurig“, auch wenn man davon ausgehen kann, dass er seinen 60. Geburtstag lieber mit einem besseren Wahlergebnis gefeiert hätte. Es gelte jetzt, eine Koalition auf die Beine zu stellen, die das Land voranbringt und die Gesellschaft zusammenführt, sagt Riebsamen. „Dann sehen wir in vier Jahren auch ein anderes Ergebnis für die AfD.“ Vertreter des Wahlsiegers lassen sich an dem Abend übrigens in der Wahlzentrale im Landratsamt nicht blicken (oder sie geben sich nicht zu erkennen).

Der CDU-Kreisvorsitzende Volker Mayer-Lay nennt den Wahlabend „bitter-süß“. Man sei zwar stärkste Kraft geblieben, habe aber ganz erhebliche Verluste hinnehmen müssen. Man werde jetzt eine „politische Gezeitenwende“ erleben. Aufgabe der CDU in der Zukunft müsse es sein, die „Politik für die Menschen besser zu erklären“.

Nicht unzufrieden mit dem Ergebnis ist Martin Hahn, Landtagsabgeordneter der Grünen: „Nachdem wir sechs Wochen Wahlkampf auf der schiefen Ebene gemacht haben, ist das ein gutes Ergebnis.“ Man habe sich immerhin stabilisiert.

„Das ist ein bitterer Abend für uns“, sagt Norbert Zeller, Chef der SPD im Kreistag. Mit Blick auf Rechtsaußen meint er: „Nicht jeder, der die AfD wählt, ist ein Nichtdemokrat.“ Es gelte jetzt, die „nationalistischen und rassistischen Äußerungen der AfD zu brandmarken“. Die Demokratie müsse verteidigt werden.

Für die Friedrichshafener FDP-Vorsitzende Gaby Lamparsky hat der Erfolg ihrer Partei viel mit dem Erneuerungsprozess der Liberalen unter Christian Linder zu tun. Die Stimmung in der Partei sei besser als vor vier Jahren. „Neues Profil mit neuen Leuten“ – der Ansatz habe funktioniert. Auch sie hat kein Patentrezept für den Umgang mit der AfD. Man müsse einfach feststellen, dass es auch am Bodensee über zehn Prozent Menschen gibt, „die sich nicht mitgenommen fühlen“.

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