Typisch Bauhaus oder nicht, das ist hier die Frage

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Alle Welt feiert 100 Jahre Bauhaus-Ästhetik. Nur das Zeppelin-Museum stellt sich quer. Genauer gesagt: Mit seiner Ausstellung „Ideal Standard“ lässt zwar auch dieses Haus die Gelegenheit nicht aus, die Themen und die Formensprache des Bauhauses aufzugreifen. Zumal das Zeppelin-Museum doch im Hafenbahnhof untergebracht ist, einem Gebäude im Bauhaus-Stil. Aber genau hier liegen die Einwände: Die kleine Ausstellung mit dem merkwürdigen Titel „Der neue Hafenbahnhof zwischen Moderne + Transiträume“ stellt nun die Frage, ob der Hafenbahnhof überhaupt idealtypisch unter den Bauhaus-Stil summiert werden kann.

Erarbeitet wurde die Ausstellung von zehn Studentinnen und Studenten der ZU, zusammen mit Dominik Busch, dem Kurator der Ausstellung „Ideal Standard“. Was seine Bauzeit angeht, steht der Hafenbahnhof auf der Kippe. 1933 wurde er fertiggestellt, just im Jahr, in dem die dem Bauhaus feindlichen Nationalsozialisten an die Macht kamen. Und auf den ersten Blick scheint das Gebäude dem Idealtyp eines Bauhaus-Gebäudes zu entsprechen. An der Fassade ist keiner jener dekorativen Schnörkel, die der Wiener Architekt Adolf Loos 1908 zum „Verbrechen“ erklärte, weil sie keinerlei praktische Funktion haben. Mit einem Schlag erklärte er damit den Baustandard des 19. Jahrhunderts zur Mottenkiste, die dem zwanzigsten nichts mehr zu sagen hatte. Schon 1852 hatte der amerikanische Bildhauer Horatio Greenough die Losung ausgegeben, dass in der Architektur aus der Funktion die Form hervorzugehen habe. Diese Funktion des Hafenbahnhofs beschrieb das Seeblatt 1933 so: „Es galt ja hier einen Bau zu schaffen, der ganz einfach die Bedingung des Übergangs von der höher gelegenen Gleisanlage zu den Schiffslandestellen zu leisten hatte.“

Funktionskiste mit Ornamenten

Eine schnörkellose Funktionskiste ist der Hafenbahnhof aber nur auf den ersten Blick: „Am seeseitigen Eingang befinden sich zwei dekorative Reliefs“, sagt die ZU-Studentin Anna Viehoff. Und wenn die Architektur eines Gebäudes durch nichts kaschiert werden soll, warum verbirgt sich dann im Inneren des Hafenbahnhofs ein Stahlgerüst? Warum liegt es nicht offen zutage, als Wesenswerkmal dieses Bauwerks? Die Studenten machten sich auf die Spuren des Hafenbahnhof-Architekten Erich Hagenmeier, um Widersprüche zur reinen Lehre aus seiner persönlichen Handschrift zu begründen. Wirklich fündig wurden sie aber nicht: „Hagenmeier wird eher als ausführender Ingenieur denn als visionärer Architekt im Sinne von Walter Gropius oder Paul Bonatz beschrieben“, so Anna Viehoff.

Und so suchten die Studenten nach einem anderen Zugang. Sie wollten den Hafenbahnhof nicht mehr anhand einer idealtypischen Baustilkunde untersuchen, sondern anhand der realen Bezüge, in denen die Hafenbahnhof-Planungen standen. Das neue Gebäude musste vor allem den Erfordernissen einer stark wachsenden Stadt gerecht werden. 1900 hatte Friedrichshafen 4000 Einwohner, 1933 waren es über 13 300. Das Wachstum war die Folge der Industrialisierung der Stadt, derzufolge auch der Post- und Güterverkehr anstieg.

Diese Faktoren werden auf einer Wandtafel und in digitalen Projektionen aufgezeigt. Die Ausstellung macht auch Parallelen zu anderen Gebäuden dieser Zeit auf, die vergleichbaren Zwecken dienen. Sie werden von den Studierenden ein wenig umständlich als „transitorische Räume“ bezeichnet. Ein fachsprachlicher Begriff für Architekturen, die für die Menschen Durchgangsstationen bleiben, weil sie ihrem Transport dienen. Und so zeigt die Schau Fotografien von dem Hafenbahnhof ähnelnden Gebäuden wie dem Columbus-Bahnhof in Bremerhaven oder dem Böblinger Flughafen.

Ein dritter Bereich sind Hörstationen mit Dokumenten, aus denen das ästhetische Denken der Zeit greifbar wird: Adolf Loos’ schon angesprochener Aufsatz „Ornament und Verbrechen“, Gropius’ Bauhaus-Manifest oder auch Marinettis radikales Manifest des Futurismus.

Die Ausstellung arbeitet so zwar nicht auf eine abschließende These hin, die den Hafenbahnhof neu einsortiert, eröffnet aber verschiedene Blickwinkel, von denen aus er sich begreifen lässt. Das ist für die knapp 50 Stunden Vorbereitungszeit, die die Studenten hatten, nicht wenig.

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