Taucher entdecken ersten Höhlenfisch Europas

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Neue Fischart entdeckt
Keine Schuppen, winzige oder gar keine Augen und kaum Farbe: Der Höhlentaucher Joachim Kreiselmaier hat in der Aach-Höhle, aus der ein Zufluss zum Bodensee entspringt, eine Fischart entdeckt, die man bisher nicht kannte: Den ersten Höhlenfisch Europas.
Schwäbische Zeitung

Keine Schuppen, winzige oder gar keine Augen und kaum Farbe: So sieht der Höhlenfisch aus, den der Taucher Joachim Kreiselmaier in der Aach-Höhle, aus der ein Zufluss zum Bodensee entspringt, entdeckt hat. Das ist der erste Höhlenfisch Europas. Die Konstanzer Biologin Jasminca Behrmann-Godel hat die Art mit Hilfe einiger Kollegen bestimmt und geht von einer großen Population in dem Höhlensystem aus, das sich bis zur Donau erstreckt.

Joachim Kreiselmaier taucht seit 20 Jahren in den Aach-Höhlen, als Höhlentaucher ist er bereits seit über 30 Jahren unterwegs. Als Mitglied des Vereins „Freunde der Aach-Höhle“ fasziniert ihn das Höhlensystem, durch welches das Wasser aus der Donau unter anderem über die Donauversickerung zwischen Immendingen und Möhringen in Richtung Aach-Quelle fließt.

Pigmentierung der Haut fehlt fast vollständig

Vom Quelltopf der Aach können die Höhlentaucher rund 600 Meter weit in dieses Labyrinth eintauchen. Danach versperren unpassierbare Felsstürze den Weg. Für Wasser, Kleinlebewesen und Plankton stellen sie kein Hindernis dar. Das große Höhlensystem im Kalkgestein breitet sich hinter den Felsstürzen auf rund 250 Quadratkilometern aus. Und genau in diesem Bereich vermutet Jasminca Behrmann-Godel eine große Population der Höhlenschmerlen, von denen vor der Verschüttung einige Exemplare entdeckt wurden.

Sie sind fünf bis zehn Zentimeter groß, haben keine Schuppen, kaum ausgebildete Augen und sind als Jungfische fast durchsichtig. „Eine Pigmentierung der Haut fehlt fast vollständig und die Barteln sind doppelt so lang, wie bei den bekannten Schmerlen-Arten“, erzählt Behrmann-Godel. Die Assistenzprofessorin des Limnologischen Institutes der Universität Konstanz hat vor drei Jahren Kontakt mit dem Höhlentaucher bekommen, vermittelt von dem Hobby-Geologen Roland Berka, der sich mit dem Aach-Höhlensystem befasst und dazu bereits zahlreiche Texte veröffentlicht hat. Er brachte Taucher und Wissenschaftlerin zusammen.

Sehr klein und beinahe zu übersehen

Am 22. August 2015 hatte Kreiselmaier das erste Exemplar entdeckt. Es war durch den Lichtkegel seiner Tauchlampe geschwommen, sehr klein und beinahe zu übersehen. Auf dem Boden der Höhle wedelte aber selbst dieser kleine Fisch, der sich vornehmlich mittels seines Seitenlinienorgans durch die Dunkelheit tastet, eine Menge Sediment auf. Kreiselmaier machte Fotos und Filmaufnahmen. Kein leichtes Unterfangen in der Höhle, die wie ein Labyrinth dem Taucher höchste Konzentration und Orientierung abverlangt.

Im November 2015 gelang es dem Taucher ein lebendes Exemplar zu fangen und ans Limnologische Institut zu bringen. Ein Jahr später konnte Kreiselmayer, der von seinem Kollegen Bogdan Grygoruk unterstützt wird, vier weitere Tiere für das Institut zu fangen. Es handelte sich um Jungfische und erwachsene Exemplare, was die Biologin auf den Gedanken brachte, dass es dort eine gesunde Population einiger tausend Tiere geben müsse. „Diese Population kann sich aber erst nach der letzten Eiszeit entwickelt haben, ist mit ihren 20000 Jahren also noch sehr jung. Sie weist aber schon alle Anpassungsmerkmale eines Höhlenfisches auf“, erklärt die Wissenschaftlerin in Konstanz.

Wissenschaftliches Teamwork

Sie nahm Verbindung auf mit Jörg Freyhof vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin und mit Arne Nolte von der Uni Oldenburg, ehemals vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön. Untersuchungen der Wissenschaftler ergaben schließlich, dass die Höhlenfische genetisch in einem weit entfernten Verwandtschaftsverhältnis zu den oberirdisch lebenden Schmerlen der Aach und in einem weit geringen Verhältnis zu denen der Donau stehen. Das könnte bedeuten, dass die ersten Fische durch die Donau in die Höhlensysteme eingedrungen sind und sich dann im Laufe der Jahrtausende an das Leben in vollkommener Dunkelheit angepasst haben.

Die Aach-Höhle existiert schon seit mehreren Millionen von Jahren. Ursprünglich befand sich die Öffnung zum Höhlensystem weiter südlich. Wahrscheinlich durch die letzte, vielleicht auch durch die vorletzte Eiszeit hat das Schmelzwasser des Gletschers das Eigeltinger Tal geformt und dabei die Aach-Höhle angeschnitten. „Seither entwässert die Aach-Höhle durch die heutige Aach-Quelle. Der südliche, fossile Teil der Höhle ist trocken gefallen“, erzählt der Taucher.

Trocken gefallene Höhlen

Eine Fortsetzung des fossilen Teils der Aach-Höhle ist die „Blätterteig-Höhle“. Ihr Eingang befindet sich auf dem Parkplatz, auf der anderen Talseite. Seit Jahren graben die Freunde der Aach-Höhle in der „Blätterteig-Höhle“, um dort mögliche, große Hallen der fossilen Höhlen zu finden, in der heute kein Wasser mehr fließt.

Die Fische in den Höhlen ernähren sich von Plankton und Kleinstlebewesen. Die Biologin meint, dass es nicht viel Futter geben wird, es würden vermutlich Höhlenasseln und ,Höhlenkrebse sein, von denen die Fische sich ernähren. Aus der Donau und anderen Zuflüssen wird das Plankton angespült, außerdem haben die Taucher in der Aach-Höhle kleinste Höhlenschnecken, Asseln und Krebse entdeckt.

Dass die Population der Höhlenfische erdgeschichtlich mit 20000 Jahren noch sehr jung ist, liegt daran, dass in den Aach-Höhlen zuvor kein Leben möglich war. Dort hatte sich ein eiszeitlicher Gletscher ausgebreitet. Erst der zurückgehende Gletscher hat am Ende der Eiszeit das Höhlensystem mit Wasser gefüllt und damit als Lebensraum zugänglich gemacht. Mit diesem Höhlenfisch sind aber auch US-amerikanische Forschungsergebnisse aus Pennsylvania widerlegt worden. Dort hatten Forscher behauptet, dass es nördlich des 41. Breitengrades keine Höhlenfische geben könne – eben wegen der Gletschermassen der Eiszeit. Die Aach-Höhlen liegen auf dem 47. Breitengrad.

Die Fische sind genetisch bestimmt, die wissenschaftliche Arbeit ist von Forschern in den USA überprüft worden und zur Veröffentlichung freigegeben worden. Damit ist der Höhlenfisch nicht nur der einzige in Europa, sondern auch der nördlichste, der bislang weltweit gefunden wurde.

Forschung geht weiter

Die Forscher möchten jetzt wissen, welche Gene für die Anpassungen verantwortlich sind. Dazu würde Behrmann-Godel mit ihren Kollegen eine Laborpopulation aufbauen und weiterforschen. An ihrer Arbeit haben auch namhafte Magazine wie „National Geographic“ und „Geo“ Interesse angemeldet. Die Freunde der Aach-Höhle rechnen mit weit mehr Geheimnissen in dem weiteren Höhlensystem. Das Einzugsgebiet ist größer als das des Blautopfs, der zweit wasserreichsten Karstquelle in Deutschland. Die Aach ist die größte Karstquelle. Und sie hat ein Geheimnis preisgegeben, das 20000 Jahre verborgen war.

Ob diese Fischart auch einen eigenen Namen bekommen wird, weiß Behrmann-Godel noch nicht. Die Begeisterung über das Entdeckte lässt Kreiselmaier und das Forscherteam jedoch nicht los.

Neue Fischart entdeckt
Keine Schuppen, winzige oder gar keine Augen und kaum Farbe: Der Höhlentaucher Joachim Kreiselmaier hat in der Aach-Höhle, aus der ein Zufluss zum Bodensee entspringt, eine Fischart entdeckt, die man bisher nicht kannte: Den ersten Höhlenfisch Europas.
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