Gunter Demnig und Edgar Thelen (links). (Foto: af)
Schwäbische Zeitung

„Elsa Hammer war eine warmherzige, großzügige, hoch geachtete Frau“, sagen Menschen, die sie gekannt haben. Doch vor 70 Jahren zählten diese Eigenschaften wenig, wenn man nicht der „arischen Rasse“ angehörte. Elsa Hammer war Jüdin. Das war ihr Todesurteil. Als ihr Mann, der als Produktionsleiter bei den Dornier Werken eine besondere Stellung inne hatte, am 21. Juli 1943 starb, griffen die Nationalsozialisten zu. Wie sechs Millionen ihrer Glaubensschwestern und Glaubensbrüder wurde die 58-Jährige deportiert und am 24. September 1943 in Auschwitz ermordet.

In einer bewegenden Gedenkfeier haben gestern mehr als 100 Menschen ihrer gedacht. Einige von ihnen, wie Anneliese Schneider, kannten Elsa Hammer noch. Sie war damals acht Jahre alt und wohnte in der Zeppelinstraße gegenüber. Andere, wie Edgar Thelen, sind den Spuren dieser Frau nachgegangen. Der stellvertretende Vorsitzende des Fischbacher Geschichtsvereins ist Initiator der Stolperstein-Aktion für Elsa Hammer. Vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Zeppelinstraße 275 (heute steht dort die Neuapostolische Kirche) ließ der Kölner Künstler Gunter Demnig persönlich den Kubus aus Beton mit einer Platte aus Messing in den Gehweg ein. Es ist einer von mittlerweile 42 500 Stolpersteinen. Jeder einzelne von ihnen erinnert an das Schicksal von Menschen, die im Nationalsozialismus deportiert, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden.

„Wir gehen aktiv mit unserer Geschichte um“, sagte Bürgermeister Holger Krezer und zitierte einen Spruch, wonach ein Mensch erst dann tot sei, wenn der letzte, der ihn gekannt habe, gestorben sei. Mit dem Stolperstein sei Elsa Hammer ein Stück weit wieder unter uns. Wenn sie sehen könnte, dass heute 60 000 Menschen aus 116 Nationen in Friedrichshafen friedlich zusammen leben und hier ihr Zuhause haben, würde sie sich freuen, so Krezer.

Edgar Thelen war vom Zuspruch überwältigt. Das zeige, dass das Schicksal dieser Frau viele bewege, obwohl man von ihr nicht viel wisse. Am 1. Dezember 1884 in Göppingen als Tochter von Isaak Fellheimer und Mathilde Bernheim geboren, kam sie mit ihrem Mann Karl Hammer nach Fischbach. Während es in den 30er-Jahren offenbar mehrere Juden in Friedrichshafen gegeben habe, soll sie in den 40er-Jahren noch die einzige gewesen sein, wie Thelen sagte. Nur wenige Wochen nach dem Tod ihres Mannes sei sie abgeholt und wahrscheinlich am 14. September 1943 von Stuttgart aus mit dem Zug nach Auschwitz deportiert worden. Ihre Nichte, Margot Fellheimer, reiste 1939 nach England aus. Sie ist inzwischen 91 Jahre alt und lebt in London. In einem schriftlichen Grußwort drückt sie ihre Freude darüber aus, dass die Familie nicht vergessen ist.

Blank polierte Erinnerung

„Man stolpert nicht mit den Füßen, sondern mit Kopf und Herz darüber, und wenn du lesen willst, musst du eine Verbeugung machen.“ Dass seine Stolpersteine eine derart große Resonanz haben würden, konnte sich Gunter Demnig 1992 nicht ausmalen. Inzwischen müsse er mit einem fünfköpfigen Team die Wünsche und Termine koordinieren. Für seine „blank polierten Erinnerungen“ habe er zwar schon drei Morddrohungen erhalten, doch das hindere ihn nicht, weiter zu machen. Die Namen zurückbringen, wo der Horror begann, ist das Motiv Demnigs.

Anneliese Schneider hat die Bilder heute noch vor sich. Sie sei regelmäßig bei Hammers gewesen. „Die Frau war die Güte selbst“, sagt sie. Sie weiß noch, dass eine Anwohnerin der Zeppelinstraße vor dem Haus immer ausgespuckt habe und wie sich Elsa Hammer kurz vor ihrer Deportation von ihnen verabschiedet habe. Mit ihrer Mutter sei sie rüber gegangen, und nach einer bewegenden Abschiedsszene habe sie gefragt, was das zu bedeuten habe. „Frau Hammer kommt nicht mehr zurück“, habe ihre Mutter gesagt. Von ihrem Fenster aus habe sie beobachtet, wie vier Männer die Witwe abgeholt hätten.

Gut, dass wir immer wieder daran denken und nicht vergessen. Gemeindereferent Meinrad Bauer und Anita Wenger von der katholischen St. Magnus-Kirche rezitierten Psalm 73 „Das scheinbare Glück der Frevler“, und Pfarrerin Gertrud Hornung von der evangelischen Kirchengemeinde Manzell spendete den Segen. „Näher mein Gott zu Dir …“ sang der Chor der Neuapostolischen Kirche. Mancher hatte Tränen in den Augen.

886 Kommunen

Friedrichshafen ist die 886. Kommune in Deutschland, für die Gunter Demnig einen Stolperstein angefertigt hat. Wie der Kölner Künstler sagte, liegen bis dato 42500 Stolpersteine in 16 Ländern Europas, und es werden immer mehr. Vor allem unter jungen Menschen sei das Interesse riesig groß, sagt der Künstler.

Den ersten mit einer Messingplatte versehenen Stein ließ Demnig 1992 vor dem historischen Rathaus von Köln ein. Auf dem Stein sind die ersten Zeilen des sogenannten Auschwitz-Erlasses Himmlers von 1942 zitiert. Erst später bekamen die Steine Namen der Opfer. Die Stolpersteine werden ausschließlich in Handarbeit hergestellt und in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in den Gehweg eingelassen. Der Stein mit Messingplatte kostet 150 Euro.

Auf dem Stolperstein in der Zeppelinstraße ist zu lesen: „Hier wohnte Elsa Hammer, geborene Fellheimer, Jahrgang 1884, deportiert 1943 Auschwitz, ermordet 24. 9. 1943.“

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