Städtische Kulturpolitik mit Zielkonflikt

Lesedauer: 6 Min
Schwäbische Zeitung

Ab 2019 wird die Stadt sehr viel stärker als bisher bei der Programmgestaltung im Bahnhof Fischbach mitmischen. Dabei soll vieles anders werden, denn die über 30 zusätzlichen Veranstaltungen pro Jahr sollen nach Vorstellung des Rathauses keine Konkurrenz für andere Kulturangebote in Friedrichshafen darstellen.

Mit Blick auf das Publikum bedeutet das: Entweder das Programm ist so innovativ, dass es Publikumskreise erschließt, die auf das bisher in Friedrichshafen Gebotene nicht anspringen. Oder die „klassischen“ Kulturgänger, von denen der Sektor jetzt schon lebt, greift noch tiefer in die Tasche – nicht nur für zusätzliche Eintrittkarten für den Bahnhof Fischbach, sondern auch für Speis und Trank in der dortigen Gastronomie. Denn dass für den Pächter, die Culina OHG, unterm Strich die Zahlen stimmen, ist ein wesentlicher Grund für den Einstieg der Stadt in die Programmgestaltung.

Kulturbüro wird wichtiger

Nachdem es schwierig genug war, für die Bahnhof-Gastronomie wieder einen Pächter zu finden, kommt ihm die Stadt nun entgegen. Auf der anderen Seite steht aber der Ausbau des Fallenbrunnens zum „Kreativquartier“. Hier also das städtische Kulturbüro, das für viele Veranstaltungen im Bahnhof künftig die Künstlergagen bezahlt – dort die Kultur im Fallenbrunnen, die ihre Veranstaltungsformate zu weiten Teilen noch entwickeln muss. Die Akteure im Fallenbrunnen werden von der Programmgestaltung der Stadt im Bahnhof Fischbach also unsanft überrascht. Bei der Maßgabe des Rathauses, das Programm des Kulturbüros im Bahnhof solle „keine Konkurrenz“ sein, war daher wohl auch der Wunsch der Vater des Gedankens.

Von der Stärkung der Kultur im Fallenbrunnen hatte das Rathaus das Kulturbüro frühzeitig abgekoppelt. Nicht die etablierte, städtisch organisierte Kultur sollte hier die Bühnen bespielen, sondern die freie Szene gestärkt werden und sich entfalten können. Daran hält sich die Stadt zwar – aber mit ihrem Programmauftrag in Sachen Bahnhof Fischbach steigert sie die Rolle des Kulturbüros für Friedrichshafen nun eben doch. Was bedeutet das für die Zukunft? Das bekannte Ungleichgewicht zwischen Kulturbüro und der Kultur im Fallenbrunnen könnte sich auf höherem Niveau fortsetzen, anstatt ausgeglichen zu werden; denn beide Seiten erfahren einen finanziellen Schub.

Eine Frage der Gagenhöhe

Aber wie müsste ein Programm des Kulturbüros im Bahnhof Fischbach denn nun beschaffen sein, damit es keine Konkurrenz für andere darstellt? Das ist nicht nur eine Frage seiner Originalität, sondern auch des Geldes, das für die Künstler ausgegeben wird. Es mag dem Kulturbüro gelingen, im Bahnhof ein Spartenprogramm zu entwickeln, das inhaltlich neue Gebiete erobert. Aber wenn dafür Gagen gezahlt werden können, die haushoch über den Mitteln anderer Veranstalter liegen, stimmt das Publikum vielleicht doch mit den Füßen ab – weil dann im Bahnhof ein hochklassigeres Programm geboten wird als etwa im Fallenbrunnen. Zumal kein „Kulturmensch“ so eindimensional ist, dass er auf eine einzige Programmsparte festgelegt wäre.

Die Gefahr einer solchen Publikums(ab)wanderung ist gegeben. Der Gemeinderat hat für die Professionalisierung der Kultur im Fallenbrunnen viel Geld bereitgestellt, aber in die direkte Programmgestaltung kann davon nur ein Bruchteil fließen. Wie hoch das Budget sein wird, mit dem das Kulturbüro künftig den Bahnhof Fischbach bespielt, das bleibt abzuwarten.

Zum Schluss die Kulturtipps dieser Woche: Im Landratsamt-Hauptgebäude wird am Donnerstag, 12. April, um 17 Uhr die Fotoausstellung „Engagement in Aktion“ von Felix Kästle eröffnet. Sie schaut ehrenamtlich engagierten Menschen über die Schulter. Am Samstag, 14. April, steigt in der Häfler Innenstadt ab 20 Uhr wieder die Kneipennacht „City of Music“ – zeitgleich spielen im Theater Atrium die Rockin’ 60s guten alten Rock’n’Roll und eine Tür weiter, im Casino Kulturraum, verbindet ebenfalls am Samstag, 20 Uhr, die US-Amerikanerin Akua Naru Rap und Hiphop mit Soul und Jazz.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen