Spaß mit Tiefgang: Ein Geschenk der Götter

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Als Antigone muss Friederike (links: Jutta Dickmanns) ihren inneren Geboten folgend König Kreon (rechts: Philip Mößner) widerspr
Als Antigone muss Friederike (links: Jutta Dickmanns) ihren inneren Geboten folgend König Kreon (rechts: Philip Mößner) widersprechen. Um ihre Stimme laut erheben zu können, hilft die Hand von Anna (Mitte: Viktoria Friedrich) auf ihrer Schulter. (Foto: Gudrun Schäfer-Burmeister)
Gudrun Schäfer-Burmeister

Die Theatergruppe „Gemischtwarenladen“ hat „Ein Geschenk der Götter“ als Werkstattinszenierung auf die Bühne der Bodenseeschule gebracht und bei der Premiere am Samstagabend guten Zuspruch erhalten. Unter der Regie von Dagmar Mader haben die theaterbegeisterten Freizeitschauspieler aus dem Film von Oliver Haffner eine Bühnenfassung geschaffen. „Die Mutmacher-Komödie“ bringt alle Mitglieder des Ensembles auf die Bühne, manche Rollen sind geradezu kongenial besetzt.

Um Rollenfindung und passende Besetzung geht es inhaltlich in mehrfacher Hinsicht. Die zweitklassige Schauspielerin Anna Bischof, unprätentiös und damit glaubwürdig gespielt von Viktoria Friedrich, wird am Stadttheater entlassen und damit zur Arbeitssuchenden beim Jobcenter. Ihre Zusatzqualifikationen griechische Volkstänze und Theaterpädagogik dienen zwar nicht zur Vermittlung einer neuen Arbeitsstelle, bringen aber Edeltraut Schnallenberger (überzeugend dargestellt von Siggi Crummenerl), die theaterbegeisterte Leiterin des Jobcenters, auf eine Idee: Anna soll acht Langzeitarbeitslosen ein bisschen Schauspielunterricht geben, sie zu Verlässlichkeit und Teambildung anleiten.

Schon die erste Begegnung mit der Gruppe offenbart, dass die Aufgabe alles andere als einfach wird, denn von Stimmbildung, Körperspannung und Ausdrucksweise sind deren Interessen weit entfernt. Auf Annas Vorstellung „Ich orientiere mich neu“, stellt der schnoddrige Ex-Taxifahrer Hubert Wegener (äußerlich links-alternativ verlottert, innerlich extrem aufbrausend und verletzlich angelegt von Roger Crummenerl) schnell fest: „Dann bist du jetzt auch eine von uns.“

Keine einfache Gruppe ist das, aber alle müssen mitmachen, denn sonst droht die Kürzung ihrer Hartz-IV-Bezüge. Friederike Rosenberg (Jutta Dickmanns sieht glaubwürdig müde aus) kommt regelmäßig zu spät, da sie sich um ihre kranken Kinder kümmern muss, die arbeitslose Kinderpflegerin Betty (gespielt von Betty Weise, der die Rolle nicht nur dank des gemeinsamen Vornamens auf den Leib geschneidert zu sein scheint) hat beständig Hunger und noch nie genug verdient, dass es fürs Leben reichen würde. Sie zweifelt stark an der Qualifikation von Anna, die es als Schauspielerin ja noch nicht mal in den „Tatort“ geschafft habe. Auch Anna selbst sieht ihre Schauspielkarriere mittlerweile als Schauspielscheiße und findet beim Kramen in alten Unterlagen das Textbuch von „Antigone“, dem antiken Drama von Sophokles.

Mit seinen acht Rollen passt es genau auf die Zahl der Arbeitslosen und so wird es zum Stoff für die Gruppe. In deren Runde ist es nur dem ehemaligen Bibliothekar Alfred – „Ich bin kein Loser, ich hab studiert“ (souverän Adi Morgenthal) bekannt. Die Friseurpraktikantin Linda (auf den Punkt gebracht von Marla Demel) gibt sich gelangweilt, scheint aber interessiert, der Schulabbrecher Max jedoch ist Widerstand pur und seine Schwächen beim Lesen offenbaren, warum. Marc Staubers Performance des nicht Lesen-Könnens ist glaubwürdig und ohne Häme. Und schließlich ist da noch Dimitri Stefanides, raumgreifend verkörpert von Philip Mößner, ein schwäbelnder Grieche mit Enthusiasmus, Plänen für ein vegetarisches griechisches Restaurant, ohne Geld und mit einem Auge auf Anna.

Fehlt noch der arbeitslose Schreiner Franz (praktisch: Edgar Rehrmann), dessen Fertigkeiten bei der Aufführung zur Geltung kommen. Denn allen Widerständen zum Trotz kommen Antigone, König Kreon, Ismene und die anderen auf die Bühne und zwar des Stadttheaters, das Anna entlassen und in dem jetzt der schmierige Regisseur das Sagen hat, der jungen Schauspielerinnen eindeutige Angebote macht. Worin nun das Geschenk der Götter besteht? Griechisches Gemüse würde Dimitri nennen, aber auch, den anderen begegnet zu sein. Alle Rollen sind prima besetzt, auch die nicht hier im Text genannten. Einziger Kritikpunkt: zu viele Umbauten.

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