Solisten interpretieren im Friedrichshafener GZH russische Klaviertrios

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Die Künstler auf der Bühne des GZH in Aktion: Sergey Dogadin mit der Violine, Nikolai Tokarev am Klavier und Narek Hakhnazaryan
Die Künstler auf der Bühne des GZH in Aktion: Sergey Dogadin mit der Violine, Nikolai Tokarev am Klavier und Narek Hakhnazaryan mit dem Violoncello (von links) (Foto: Christian Lewang)
Schwäbische Zeitung
Gerd Kurat

Die Eröffnung der Meisterkonzerte mit der Russischen Nationalphilharmonie musste coronabedingt abgesagt werden. Die drei vorgesehenen Solisten für das Tripelkonzert von Ludwig van Beethoven haben aber extra für den vorgesehenen Termin in Friedrichshafen russische Klaviertrios von Schostakowitsch und Tschaikowsky einstudiert. In einer magischen Interpretation, immer den Interessen des Komponisten nachspürend, berührten Nikolai Tokarev am Klavier, Sergey Dogadin mit der Violine und Narek Hakhnazaryan mit dem Violoncello das Publikum im coronagemäßen, ausverkauften Hugo-Eckener-Saal im Graf-Zeppelin-Haus.

Beide Trios stehen in der russischen Tradition im Gedenken an verstorbene Musikerkollegen. So entstand das Klaviertrio Nr. 2 e-moll von Dmitrij Schostakowitsch 1944 kurz nach dem Tod des Musikwissenschaftlers Iwan Sollertinski. Fahl, aus dem Nichts kommend, begann der Cellist das slawisch gefärbte Trauerthema mit Dämpfer und Flageolett-Tönen. Violine und Klavier griffen das Thema auf. Zusammen entwickelte das Trio ein sehr dichtes Fugato in der langsamen Einleitung. Über trottende Achtel der Streicher legte der Pianist das nun geweitete Thema im melodischen Klaviersatz. In der hochdramatischen Durchführung stand der Gegensatz zuvor aufgestellter Themen energetisch aufgeladen im Mittelpunkt. In überragender technischer Versiertheit im beständigen Rotieren und kraftvoller, fratzenhafter Fröhlichkeit, bekam der zweite Satz, ein ironischer Tanz, seinen bedrohlichen Charakter. Das achttaktige Bassthema der Passacaglia meißelte Nikolai Tokarev zu Beginn des dritten Satzes in die Klaviertasten. Über dieses gleichbleibende Gerüst legten Violine und Cello in feinsten Schattierungen ihre klagenden Phrasen als Solist, im Kanon oder in wunderschöner Zweistimmigkeit. Voll in ihrem Element waren die aus Russland und Armenien stammenden Musiker im Finalsatz, einem ruhig, doch beständig pochenden Totentanz.

Das Klaviertrio a-moll von Pjotr I. Tschaikowsky ist ebenfalls einem verstorbenen Freund gewidmet. Nach dem überraschenden Tod des Pianist Nikolaj Rubinstein 1881 komponierte Tschaikowsky in kurzer Zeit sein erstes und einziges Klaviertrio. Es ist eine Klage und sprengt den bis dahin üblichen kammermusikalischen Rahmen. Mit seiner fast einstündigen Dauer fordert es Ausführende wie Zuhörer gleichermaßen. Aber die, emotionale Höhen und Tiefen weit auslotende Interpretation, von orchestraler Klangwucht bis zu solistischer Feinfühligkeit, ließ die Zeit wie im Fluge vergehen. Zu Beginn führte Hakhnazaryan mit der russisch gefärbten Klagemelodie mit seinem geerdeten Celloton in eine zeitlose Welt. Zusammen mit Dogadins in allen Farben schillerndem Geigenton ergab sich ein entrückter Zusammenklang. In vollgriffigem Klaviersatz setzte Tokarev einen starken Gegenpol mit dem Seitenthema. Das russische Lied zu Beginn des zweiten Satzes präsentierte er mit naiver Einfachheit. Die folgenden zwölf Variationen lebten in freudig ausgespielter Musikalität – als Symbol eines glücklichen Tages mit Rubinstein – in ständigen Stimmungswechseln auf engstem Raum. Erschütternd die Wiederkehr des Klagethemas aus dem ersten Satz. Cello und Violine hauchten im Pianissimo das Kernthema im Toten-Marsch über dunklen Klavierakkorden. Nach langer Stille wollte der verdiente Applaus nicht enden.

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